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Leseprobe
zu
Hafner/Lyon:
ARPA Kadabra
oder Die Anfänge des Internet
PROLOG
 
September 94. Sie
waren angereist nach Boston, manche aus London oder
L.A., ein paar Dutzend Männer im mittleren
Alter. Sie trafen sich an einem Herbstwochenende im
Jahre 1994, um sich gemeinsam daran zu erinnern,
was sie 25 Jahre zuvor geschaffen hatten. Sie waren
die Wissenschaftler und Ingenieure, die das ARPAnet
entworfen und aufgebaut hatten, jenes
Computernetzwerk, das die Kommunikation
revolutionieren sollte und aus dem
schließlich das weltweite Internet
erwuchs.
Damals - in den
60er Jahren - arbeiteten sie mehr im Verborgenen;
viele von ihnen waren gerade einmal Studenten, als
sie entscheidende Beiträge zum Aufbau des
Netzwerkes lieferten. Andere waren Dozenten. Die
allermeisten von ihnen erhielten kaum jemals
Anerkennung für ihre Leistungen.
Ihr magnetischer
Pol zu jener Zeit war die Computerfirma
"Bolt
Beranek and
Newman" in
Cambridge (Massachusetts). Dort waren viele von
ihnen angestellt, dort wurde das ursprüngliche
ARPAnet aufgebaut und betrieben. Als
schließlich das Internet wie eine quirlige
Stadt in unmittelbarer Nachbarschaft entstand,
wurde BBN kaum noch Aufmerksamkeit gezollt. Jetzt,
ein Vierteljahrhundert nachdem der erste Netzknoten
installiert worden war, hat BBN sämtliche
ARPAnet-Pioniere
in der Hoffnung eingeladen, mit einer
großzügigen Geburtstagsparty ihr eigenes
Image etwas aufzupolieren.
Viele der
Teilnehmer der Jubiläumsfeier hatten sich seit
Jahren nicht gesehen und meist nicht einmal etwas
voneinander gehört. Als sie sich zu der
Pressekonferenz am Freitag nachmittag in der Lobby
des Copley Plaza Hotels einfanden und der
offizielle Teil beendet war, begannen sie, sich
nach bekannten Gesichtern umzuschauen.
Bob
Taylor,
jetzt Leiter einer privaten Forschungseinrichtung
im Silicon Valley, war wie die meisten zum Treffen
gekommen, um sich an die alten Zeiten zu erinnern,
aber er hatte noch einen weiteren Grund. Er wollte
unbedingt eine Geschichte aus der Welt schaffen,
die bereits seit Jahren immer wieder durch die
Medien geisterte. Demnach war das ARPAnet aufgebaut
worden, um im Angesicht der nuklearen Bedrohung die
nationale Sicherheit zu schützen. Dieser
Mythos war bereits so oft wiederholt worden,
daß er allgemein als Tatsache betrachtet
wurde.
Taylor war damals
der junge Leiter der Behörde, die innerhalb
der
"Advanced
Research Projects
Agency" des
Verteidigungsministeriums für die Koordination
der Informatikforschung zuständig war. Er war
derjenige gewesen, der das ARPAnet gestartet hatte.
Das Projekt hatte in Wirklichkeit
äußerst friedvolle Absichten -
nämlich Computer verschiedener
Forschungsstätten landesweit miteinander zu
verbinden, so daß Wissenschaftler bestehende
Computer-Ressourcen gemeinsam nutzen konnten.
Taylor wußte, daß das ARPAnet und seine
Weiterentwicklung Internet niemals etwas mit
Unterstützung oder Überleben eines
Krieges zu tun hatte. Allerdings fühlte er
sich mit diesem Wissen ziemlich alleine.
Selbst die
großen Zeitungen hatten in letzter Zeit den
grausigen Mythos des Szenarios eines
überlebbaren Atomkrieges als Wahrheit
präsentiert. Als das Time Magazine diese
flache Darstellung brachte, hatte Taylor einen
Leserbrief geschrieben, der allerdings nicht
veröffentlicht worden war. Der Versuch, die
Geschichte geradezurücken, war wie ein Kampf
gegen Windmühlen. Taylor kam sich
allmählich vor wie ein Narr.
Während das
Abendessens im Copley erspähte Taylor einen
älteren, schwergewichtigen Mann mit einem
gewaltigen Schnurrbart am anderen Tischende. In ihm
erkannte er sofort denjenigen, der mit Sicherheit
seine Version der Geschichte bestätigen
würde. Es war sein früherer Chef,
Charlie
Herzfeld,
der ARPA-Leiter in der Zeit, als Taylor dort
beschäftigt war. Die beiden hatten sich
zuletzt vor vielen Jahren gesehen, lange bevor
andere sich darum Gedanken zu machen begannen, wo
die Anfänge des Internet lagen. Das Herzfeld
anwesend war, ließ bei Taylor die Stimmung
deutlich ansteigen. Er war wieder unter den Leuten,
die die wirkliche Entwicklung kannten. Endlich
würden sie die Geschichte geraderücken.
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