HMD 222, 38. Jahrgang, Dezember 2001

Business Intelligence

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Einwurf

von Array

DAISYTOWN ist überall

Wenn jemand "Gold!!!" schreit, schnappt sich jeder eine Schaufel und rennt los, um seinen Claim abzustecken. Danach schippt und gräbt er wie verrückt, siebt und wäscht und pult nach den Nuggets. Wenn er Glück hat, findet er welche. Dann steckt er sie in die Tasche. Oder in einen Lederbeutel und setzt sich drauf. Und wenn es zu viele sind, muss er sie anderswo verstecken. Also vergräbt er sie an einem Ort, an dem sie keiner findet. Er leider auch nicht. Also schnappt er sich sein Werkzeug wieder und gräbt und buddelt so lange, bis er seine Goldklümpchen wieder entdeckt. Und damit sein nächster Nachbar ja nichts merkt, stapelt er seine Nuggets in einem Kästchen, legt dieses in eine Truhe und schiebt selbige unter sein Bett. Auf diese Weise kann kein Nugget flüchten und er ruhig schlafen. Bis er die Miete zahlen muss.

Im Grunde arbeiten die heutigen Data Miner auch nicht viel anders, höchstens mit anderen Werkzeugen und anderen Begriffen. Das Gold von damals ist das Wissen von heute. Und es ist reichlich viel Wissen, das vergraben wurde und somit niemand mehr nützt. Sollte es ja auch nicht. Die Nuggets waren ja nur für den Digger selbst gedacht, nicht für seinen Nearest Neighbour. Gibt es nicht auch heute noch Blue und White Collar Workers, die ihr Wissen für sich behalten, um sich einen Vorsprung zu sichern und sich mit dem Nimbus des Unentbehrlichen zu umgeben? Knowledge zu vervielfältigen ist die einzige Möglichkeit, Zeit zu gewinnen und Geld zu sparen, das man dann für Spezialwerkzeuge wieder ausgeben muss.

Der abgesteckte Claim ist das Unternehmen, in dem das Wissen verbuddelt ist - in Schubladen, Aktentaschen, Notebooks und Computern. Wer sucht, der findet, ist zwar wahr, ignoriert aber den Faktor Zeit. Also muss ein Knowledge Manager her, der sich erst mal einen Überblick über das geordnete Chaos schaffen muss. Es ist ja nicht so, dass alle, die ihr Wissen irgendwo aufbewahren, "unordentlich" sind. Sie sind meist sogar "sehr ordentlich", denn jeder findet sich ja in seinem individuellen Retrievalsystem sehr gut zurecht. Nur zusammen klappt das halt nicht. Also muss man erst mal alles zusammensuchen (Extrahieren), dann in eine brauchbare Form bringen (Transformieren) und schließlich den Unwissenden zugänglich machen (Laden). Solche ETL-Werkzeuge stehen den Wissbegierigen zur Verfügung. Diese bedienen sich dann so, wie sie im Kaufhaus oder Supermarkt einkaufen würden. Sie gehen ins Data Warehouse und durchsuchen die Regale, bis sie das gefunden haben, was sie brauchen. Knowledge Discovery in Databases nennt man das - kurz KDD (Keiner Darf Drängeln).

Es kann natürlich sein, dass die BI (Business Intelligence) des Golden Retrievers der Fülle des abrufbaren Know-hows nicht ganz gewachsen ist. In diesem Falle wird der Wissensdurstige sein Intelligenz-Labsal mit Spickzetteln würzen. Diese hebt er dann wieder dort auf, wo sie ihm am geeignetsten erscheinen: in der Schublade, im Ärmel, an der Pinwand oder in seinem PC. Dort nützen sie "einem", aber nicht allen. Denn wenn Alois Huber eine abgerufene Information mit "Schmarrn" bezeichnet, dann hat Ali Öztürk ein Problem.

Heute spricht man nicht mehr miteinander, sondern "kommuniziert" nur noch übers Internet oder Intranet. Irgendwo ist Big Brother immer dabei. Er zählt und notiert, wer sich wo, warum und wie oft durch welche Informationen geklickt hat (Log-Mining, Usage-Mining). Wir bauen gewaltige Gebilde aus Daten und Informationen auf, wir schreiben uns die Finger wund mit Fachartikeln, wir bringen Terminologiedatenbanken zum Bersten und geraten in Panik, wenn wir für alte Erkenntnisse keine neuen Namen finden. Wir verlernen, uns einfach auszudrücken. Wir sprechen Denglisch (Deutsch-Englisch) und geben den Dingen durch Wortgewaltigkeit Gewicht. Wie schrieb einmal ein berühmter Mann an seine Geliebte: "Da ich keine Zeit habe, Dir einen kurzen Brief zu schreiben, schreibe ich Dir einen langen!"

Statt: "Johann, der Du geringer bist und doch mir gleich, nähere Dich mir Dich beugend und befreie meine Füße von der Last des staubatmenden Kalbfells."

Könnte man auch sagen: "Johann, zieh mir die Schuhe aus."

Roswitha R. Kortheuer EDV-Studio Roswitha Kortheuer Übersetzungsbüro für Informationstechnologie 40764 Langenfeld / NRW edvkort001@aol.com