HMD 250, 43. Jahrgang, August 2006

IT-Governance

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von Array

Aaah ... da ist ja unsere IT-Gouvernante

In einem früheren Leben, das noch nicht so lange her ist, war ich als angestellte Führungskraft für die IT-Tochter eines großen Konzerns tätig. Immer wieder begrüßte mich einer unserer Geschäftsführer leicht süffisant grinsend mit den Worten "Aaah ... da ist ja unsere IT-Gouvernante". Ich hatte öfter mal mit meinen Kindern "Heidi" gesehen, und daher wusste ich, dass Fräulein Rottenmeier, die Gouvernante in den Heidi-Filmen, wirklich nicht die vorteilhafteste Figur in den Geschichten ist. Wollte der Kollege mich also "pflanzen", wie man in Österreich sagt? Meine Neugier war geweckt. Also das WWW angeworfen und auf Wikipedia gesurft, auch wenn diese Quelle für den Bezug von Definitionen etwas in Verruf geraten ist. Ein Blick dorthin verrät zumindest, dass die Zunft der Gouvernanten nicht so clever ist wie der Berufsstand amerikanischer Politiker. Sie haben sich dort gewiss nicht eingeschlichen, um den Artikel über sich positiv zu beeinflussen.

Gouvernante ist ein altmodischer Begriff für Hauslehrerin oder Erzieherin. Dieser Beruf stellte über lange Zeit für Frauen eine der wenigen Möglichkeiten dar, einen Beruf auszuüben. Er wurde vor allem von Frauen aus der gebildeten Mittelschicht ergriffen, die nicht verheiratet waren. Die Schriftstellerin Anne Brontë sowie die spätere Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner übten beispielsweise beide zeitweilig den Beruf der Gouvernante aus. <...>
Der Begriff hat heute einen negativen Beiklang. Gouvernantenhaft wird beispielsweise ein strenger, nicht unbedingt vorteilhaft wirkender Kleidungsstil genannt.

Auch wenn ich keine Frau bin, so gehöre auch ich (hoffentlich) der hier angeführten gebildeten Mittelschicht an, und ein Buch habe ich auch schon mal geschrieben. Und wenn ich so an den Job zurückdenke, dann war der Zeitaufwand auch nicht gut mit meiner Ehe vereinbar. Das muss ich wirklich zugeben. Nobelpreis wäre keine schlechte Perspektive. Aber das mit dem Kleidungsstil? Frechheit! Wenn ich das damals gelesen hätte. Besser, dass ich nicht gleich in Wikipedia nachgeschlagen habe.

Aber sehen wir doch mal weiter, wie es speziell um das Berufsbild einer IT-Gouvernante bestellt ist: die so genannte IT-Governance. Man findet sicher auch direkt Definitionen zu IT-Governance. Aber als Deutscher ist einem schon der Begriff "Governance" nicht so wirklich geläufig. Also wieder ein Lexikon konsultiert und dort gefunden:

gov*ern*ance /vnns; NAmE vrn/ noun [U] (technical) the activity of governing a country or controlling a company or an organization; the way in which a country is governed or a company or institution is controlled.

Und wenn man schließlich noch bei der Berufsvereinigung ITGI (dem IT Governance Institute) nachschlägt, so findet man dort als Beschreibung von IT Governance:

IT governance is the responsibility of the board of directors and executive management. It is an integral part of enterprise governance and consists of the leadership and organisational structures and processes that ensure that the organisation's IT sustains and extends the organisation's strategies and objectives.

Da fragt man sich doch gleich, ob es so etwas wie eine IT-Gouvernante in Form eines "Abteilungsleiters für IT-Governance" überhaupt geben kann und geben darf. Wenn man sich das Aufgabenspektrum bei ITGI noch weiter ansieht, dann werden als Teilaufgaben Dinge genannt wie IT-Strategie, IT-Programm-Management, IT-Architektur, IT Operations Strategy, IT-Sicherheitsmanagement, IT-Controlling, IT-Personalmanagement und Karrieremodelle. Also die gesamte Aufgabenliste des CIO und seines CIO-Office. Und das alles soll eine IT-Gouvernante leisten? Und auch noch ohne richtiges Mandat. Was stand doch oben gleich? Unverheiratet? Schlecht gekleidet? Kein Wunder!

Um das Ganze noch zu steigern, wäre mir nicht bekannt, dass sich eine Gouvernante bei den zu erziehenden Kindern auch noch dafür entschuldigen müsste, dass sie an Stelle der Eltern jetzt leider mal ein paar Richtlinien ausgeben muss. In der Welt der großen Unternehmen ist das ganz anders: Ich musste mich in fast allen Meetings für meine Anmaßung einer fremden Rolle permanent entschuldigen und betonen, dass ich für mich natürlich nicht in Anspruch nehme, den Job meiner Chefs, der Geschäftsführer des IT-Dienstleisters, zu machen, sondern hier nur eine redaktionelle Rolle habe und quasi als Herold die Anweisungen mit der stillen Post verteile.

Aber es gibt ja auch noch Aufmunterndes in der Literatur zu IT-Governance. Da liest man in einem Buch von Peter Weill und Jeanne W. Ross etwas von "IT-Monarchie" als möglichem Stil der IT-Governance. Diese Form der Monarchie ist zwar nach der Umfrage der Autoren noch weniger verbreitet als zum Beispiel die der konstitutionellen Monarchie in Nordamerika, aber die pure Erwähnung macht einer armen Gouvernante doch Hoffnung.

Also, liebe CIOs - statt Euch über Eure IT-Gouvernante zu mokieren, könnt Ihr auch selbst Eure Erziehungsverantwortung wahrnehmen. Es geht doch nichts über eine solide IT-Monarchie mit einem Team von starken Anarchen an der Spitze. Eine Gouvernante kann die richtigen Eltern nur schwer ersetzen und schon gar nicht, wenn sie nicht mal ein ordentliches Mandat bekommt. Das lernt man doch schon, wenn man Heidi im Kinderkanal guckt, oder?

Euer Reiner W. Ahnsinn

der es vorzieht, sich hier nicht googelbar zu machen. Diskretion ist schließlich die Seele des Geschäfts.