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Einwurf

Patient - Arzt - ICT: Die neue Dreieinigkeit in der ärztlichen Sprechstunde?

Als zentralstes Element im Management von gesundheitlichen Störungen wird die Patienten-Arzt-Beziehung ständig hinterfragt. Geprägt vom Zeitgeist destilliert sich jeweils heraus, wie sich Patient und Arzt gegenseitig wahrnehmen, wie sie sich begegnen wollen.

Heute will der Patient in den Entscheidungsfindungen um das Management seiner gesundheitlichen Probleme zunehmend mitreden können. Man spricht vom mündigen Patienten, von patient empowerment und von shared decision making. Der Arzt soll den Patienten ganzheitlich wahrnehmen und nicht nur als fokal kurativ tätiger Technokrat seine Aufgabe am Körper des Menschen erfüllen. Das biopsychosoziale Krankheitsmodell, in dem der Patient konsequent in allen drei Dimensionen erfasst wird, ist angesagt.

Und jetzt drängt mit zunehmender Vehemenz die Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) in den Gesundheitsmarkt und behauptet von sich, sie könne auch bei der Interaktion zwischen Patient und Arzt ihre Dienste gewinnbringend für alle Beteiligten beisteuern. Plötzlich soll das bekannte Rascheln der Papierkrankengeschichte durch sterile Klicks von Computertastatur und Maus ersetzt werden, soll ein Monitor auf dem Schreibtisch den Augenkontakt zwischen Patient und Arzt stören. Ein wilder Aufschrei geht durch viele Sprechzimmer: "Nie und nimmer! Die Patienten-Arzt-Beziehung darf nicht durch störende Technik beeinflusst werden!"

Aus eigener Erfahrung und aus den Rückmeldungen meiner Patienten kann ich sagen, dass der Computer im Sprechzimmer nicht stört. Zur erfolgreichen Umsetzung müssen die Rahmenbedingungen ein wenig angepasst werden. Die etablierte Sitzanordnung im Sprechzimmer wird den neuen Gegebenheiten entsprechend umgestellt - der Patient nimmt die Veränderung wahr und mit einigen erklärenden Worten haben wir die Innovation als positive Entwicklung bei unseren Kunden positioniert. Dass der Arzt das Zehnfingersystem blind beherrschen sollte, ist selbstredend, leider aber nicht selbstverständlich. Er hätte dies ja auch schon können sollen, um seine alte "Hermes" oder "Olympia" sinnvoll einzusetzen. Die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine hat sich nicht verändert, sie hat nur an Bedeutung gewonnen.

Heißt das, der neuen Dreieinigkeit steht nichts mehr im Wege? So einfach ist das Ganze doch nicht. Spätestens beim Aufstarten der elektronischen Krankenakte zeigen sich die wirklichen Probleme. Schnell merkt man, dass sich die Prozessabläufe der ärztlichen Konsultation und des damit verbundenen Patientenmanagements nicht so einfach abbilden lassen. Auch wenn der Arzt großen Willen für Change Management aufbringt, sieht er bald, dass er an vielen Orten an Grenzen stößt, dass die angebotenen Produkte noch voller Baustellen sind und dass es für viele Bedürfnisse des Arztes noch keine befriedigenden Lösungen gibt. Die Informatisierung im Gesundheitswesen hat leider zuerst im kaufmännisch-administrativen Bereich begonnen, und dies obwohl hier nur etwa zehn Prozent der gesamten Daten anfallen. Viele Softwareanbieter haben erst später in einem zweiten Schritt damit angefangen, sich der medizinischen Prozesse anzunehmen. Dies dürfte ein Grund dafür sein, dass die bisherigen Datenmodelle nicht genügen, um eine elektronische Krankenakte anzubieten, die diesen Namen wirklich verdient. Als Arzt und Einkäufer solcher Programme erwarte ich etwas mehr, als dass nur die Papierkrankengeschichte durch ein elektronisches Daten- und Dokumentationsverwaltungssystem abgelöst wird - ein Textverarbeitungssystem bietet schließlich auch mehr als nur den Ersatz meiner bereits erwähnten alten "Hermes". Zugegeben, schon heute bringt mir die konsequente Nutzung einer so genannten elektronischen Krankengeschichte viele Erleichterungen und Vorteile, aber zu viel Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft und zu viele Kompromisse müssen noch eingegangen werden. Ich höre schon jetzt die Einwände der Anbieter, dass sich alle meine Probleme lösen lassen. Dagegen habe ich auch nichts einzuwenden, alle Probleme sind lösbar, aber nicht ohne zusätzliche Entwicklungen und Programmierungen und ohne den damit verbundenen hohen finanziellen Aufwand. Ein marktreifes Produkt erfüllt seine Aufgaben, nachdem die variablen Programmteile dem Anforderungsprofil des Kunden entsprechend angepasst wurden (Parametrisierung). Dies darf auch von einer elektronischen Patientenakte verlangt werden.

Den Ärzten und der Pharmaindustrie wird vorgeworfen, sie erfänden ständig neue Krankheiten, sie stellten Phänomene des normalen Lebens als krankhaft dar, um diese dann gewinnbringend behandeln zu können. In der ICT-Industrie gibt es ein ähnliches Phänomen. Für Produkte und Dienstleistungen, die primär für andere Branchen entwickelt wurden, werden neue Abnehmer im Gesundheitsmarkt gesucht. Frei nach dem Motto: "Die Technologie ist vorhanden, suchen wir die Patienten dazu." Die Kombination von Mobiltelefon, GPS und EKG (Elektrokardiogramm) in einem Gerät vereint, oder das kleine Gerät hinter dem Ohr, das permanent den Sauerstoffgehalt im Blut misst und über Bluetooth mit dem Mobiltelefon kommuniziert, erlauben es, Vitalparameter überall und jederzeit an ein "Medical Center" zu übertragen. Dem Gesunden und Kranken wird damit erhöhte Sicherheit und bessere medizinische Betreuung suggeriert. Die Systeme funktionieren einwandfrei, sie sind technisch valide und befriedigen unsere Technophilie. Zwei entscheidende Anforderungen sind bei diesen beiden Beispielen aber noch nicht erfüllt. Die Integration in den Prozess der Patientenbetreuung ist ungenügend und über deren (positiven?) Einfluss auf die Lebensqualität und das Krankheitsergebnis wissen wir leider noch sehr wenig bis gar nichts.

So wie bei Design und Architektur der Leitsatz "Form follows function" gilt, sollte bei der ICT im Gesundheitswesen - wie an anderen Orten auch - "ICT follows process" gelten. Dies bedingt, dass die Mediziner sich gegenüber den neuen Technologien öffnen, das vorhandene Potenzial erkennen und nicht nur Gefahren sehen. Es heißt aber auch, dass die ICT-Fachleute die Patienten-Arzt- Beziehung in ihrer Komplexität und Verletzlichkeit verstehen lernen müssen. Zusammen wird es gelingen, vermehrt ICT-unterstützte und integrierte Prozesse im Gesundheitswesen zu gestalten. Hierzu muss noch vermehrt an einer gemeinsamen Sprache, an gemeinsamen Wertvorstellungen und Zielen gearbeitet werden.

Die medizinisch-empathische und die technisch-rationale Welt sind auf dem Weg, sich im Sprechzimmer zu finden. Dereinst werden die Patienten und Ärzte Nutznießer davon sein, heute schon von einer Dreieinigkeit zu sprechen, wäre aber doch etwas vermessen.

Dr. med. Christian Simonin Facharzt für Allgemeine und Innere Medizin FMH Executive Master of Medical Management Leitender Arzt Sanacare HMO-Praxis St. Gallen Rosenbergstr. 16 CH-9000 St. Gallen christian.simonin@sanacare.ch www.sanacare.ch

Dieses Heft ist vergriffen, d.h. nicht mehr lieferbar. Eine Neuauflage ist nicht geplant. Die Beiträge aus diesem Heft sind jedoch noch separat und kostenpflichtig bei GBI-Genios erhältlich.