HMD 262, 45. Jahrgang, August 2008

Unternehmensarchitekturen

Herausgeber: Gerold Riempp, Susanne Strahringer

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Editorial

Wenn Menschen komplexe technische Systeme bauen und betreiben, genügen Gedächtnisleistung, Augenschein und verbale Kommunikation nicht mehr, um einen gemeinsamen Überblick über alle Elemente und deren Zusammenhänge zu bewahren. Verschiedene technische Disziplinen haben daher eine Vielfalt an "Plänen" (oder wissenschaftlich gesprochen: Modellen) entwickelt, um mit Komplexität besser umgehen zu können. Beispiele hierfür sind Pläne für Gebäude, Maschinen, Städte, Verkehrsnetze oder Fabriken. Sie alle sind Hilfsmittel für die Planung, den Betrieb, die weitere Entwicklung, die Schadensbehebung etc. und haben vor allem den Zweck, die Grundlage für ein einheitliches Verständnis der Beteiligten und damit eine zielführende Kommunikation und Problemlösung zu bilden.

Für den Einsatz von Informationstechnologie und Informationssystemen (IS) in Unternehmen werden schon lange Pläne verwendet. Zunächst waren dies vorwiegend Pläne für einzelne Systeme. Durch ihre zunehmende Verbreitung und Durchdringung aller betrieblichen Funktionen genügt eine Sammlung von Einzelplänen nicht mehr, um mit der entstandenen Komplexität zielführend umgehen zu können. Oberhalb aller Einzelpläne wird ein "großer Plan" für den Überblick des IS-Einsatzes im Unternehmen benötigt.

IS im Unternehmen sind aber kein Selbstzweck, d.h., der "große IS-Plan" muss zu den Geschäftsprozessen passen und diese wiederum müssen sich am Geschäftsmodell orientieren und die Geschäftsstrategie umsetzen. Um alle diese Ebenen sinnvoll aufeinander abstimmen zu können, benötigt man also einen Plan vom Unternehmen, der heute Unternehmensarchitektur (UA) genannt wird.

Da die zugrunde liegende Realwelt der Unternehmen sehr komplex ist, ist folglich auch ihre Architektur komplex. Um die verschiedenen Teilbereiche und Aspekte von Unternehmen bearbeiten zu können, sind enorme Datenmengen und eine Vielzahl von Darstellungsformen (Sichten) notwendig. Zudem muss der gegenwärtige Zustand (Ist), der geplante Zustand zu einem zukünftigen Zeitpunkt (Plan) sowie der insgesamt angestrebte Zustand (Soll) abgebildet werden. Neben der Komplexität des Planes selbst muss auch das herausfordernde Vorgehen bei der Analyse, der Planung und der Umsetzung in Projekten - das sogenannte UA-Management - beherrscht werden.

Die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer Unternehmensarchitektur ist nicht neu. Seit gut zwei Jahrzehnten befassen sich Wissenschaftler und Praktiker mit dieser Themenstellung. Durch sich immer schneller verändernde geschäftliche Rahmenbedingungen wächst der Druck, Geschäftsprozesse und die sie unterstützenden IS schnell und flexibel anzupassen. Die Realität langsamer Implementierungszyklen und hoher IT-Kosten fördert die Einsicht, dass ein übergeordnetes planvolles Handeln unabdingbar ist. Immer mehr Unternehmen stellen sich daher dem aufwendigen Vorhaben, eine Unternehmensarchitektur aufzubauen und mit ihrer Hilfe zu steuern.

Inzwischen hat die UA-Disziplin einen gewissen Reifegrad erreicht, sodass es sich lohnt, den State-of-the-Art zu dokumentieren und somit zum Erfahrungsaustausch und Wissenszuwachs beizutragen. Wir können in diesem Heft erfreulicherweise sowohl über konzeptionelle Ansätze und Rahmenwerke als auch über konkrete Anwendungen und Erfahrungen berichten. Die Beiträge beleuchten Aspekte der Modellierung, der Steuerung, der strategischen Ausrichtung, der Governance, der Umsetzung und der Bewertung von Unternehmensarchitekturen. Sie bieten damit einen breiten Überblick und fundierten Einblick in das Abenteuer, sich "einfach einmal einen Plan vom Unternehmen zu machen". Wir wünschen Ihnen, liebe Leser, eine spannende und abwechslungsreiche Lektüre.

Gerold Riempp Susanne Strahringer