HMD 262, 45. Jahrgang, August 2008

Unternehmensarchitekturen

Herausgeber: Gerold Riempp, Susanne Strahringer

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Einwurf

von Mathias Traugott

Same Procedure as Every Year

Die permanent steigenden Anforderungen an Effizienz, Flexibilität, Effektivität und Planbarkeit sind in jeder Jahresansprache ebenso sicherer Bestandteil wie der 90. Geburtstag von Miss Sophie im TV-Sketch "Dinner for One" an Silvester. Und, sowohl der Passus in der Jahresansprache als auch die Handlung in "Dinner for One" sind doch ähnlich grotesk und laden zum Schmunzeln ein. Schließlich ist ja eine Jahresansprache des Chefs etwas Fröhliches und hoffentlich jedes Jahr etwas Neues, Besonderes - oder wieder nur "Same Procedure as Every Year"?

Warum sprechen wir immer von Effizienz und Planbarkeit als Messgrößen? Weil diese Resultate in der "Total-Zelle" in Excel so schön Platz haben und sich diese Werte mit einer konditionierten Formel wunderbar farbig - grün, gelb oder rot untermalt - darstellen lassen. Und erst noch automatisch! Ja, wir Manager lieben es so. Einfach und klar. Und erst noch in Farbe!

"Computers make very fast, very accurate mistakes." Dieses Zitat stammt aus dem Buch "IT Service Management from Hell! Based on Not-ITIL®" und sagt doch einiges über Effizienz aus. Die Immobilienfinanzierungsbranche, die in den letzten Monaten die Frontseiten aller renommierten Zeitungen im In- und Ausland zierte und es schaffte, zig Milliarden Euro in einer ultrakurzen Zeitspanne zu vernichten, war wahrlich effizient und effektiv. Diese Leistung wurde durch bestens funktionierende IT-Unterstützung überhaupt erst möglich. Doch jetzt der IT die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist vielleicht etwas arg kurzsichtig - die Konzepte und Modelle stammen von uns, uns Menschen.

Modellieren scheint uns im Blut zu liegen. Prozessmodelle, Hierarchiemodelle, Informationstechnologiemodelle, Architekturmodelle, Organisationsmodelle und viele mehr schaffen und verändern wir - laufend. Modelle benötigen wir, um Komplexes zu vereinfachen, Kompliziertes verständlich zu machen, um uns einen Überblick zu verschaffen, um unsere Umwelt und die eigene Welt aus subjektiver Sicht zu verstehen. Nur, nicht jeder sieht dasselbe gleich. Doch dies gibt Raum für Diskussionen und eröffnet uns Chancen, unseren Horizont zu erweitern. Denn erst wenn wir etwas verstehen, idealerweise zusammen dasselbe Verständnis für eine Begebenheit erarbeitet und gewonnen haben, sind wir in der Lage, gemeinsam zu verbessern, zu verfeinern und zu planen.

Die Planbarkeit gehört ebenfalls auf die Evergreen-Hitliste und wurde durch die zunehmende Bedeutung des Quartalsabschlusses ein immer wichtigerer Faktor. Wird ein besseres Quartalsresultat präsentiert als prognostiziert, dann wird sogenanntes Agio verschenkt (der Betrag, um den der Börsenkurs den inneren Wert der Anlage übersteigt) - verfehlt das Resultat die Prognose, dann bewegt sich der Aktienkurs talwärts. Und Letzteres löst unmittelbar Effizienzsteigerungsprogramme aus, die in unseren Breitengraden bekanntlich oft zu Entlassungen führen.

Weniger Mitarbeiter leisten plötzlich mehr? Wirklich? Kommt die Effizienz und Effektivitätssteigerung plötzlich über Nacht? Oder wird die interne, nicht mehr besetzte Stelle durch eine externe, meist etwas teurere Kraft ersetzt? Diese neuen Kosten werden dann in einem Projekt oder als Sachaufwand, wenn beispielsweise eine Applikation veredelt wird, verbucht (oder versteckt) und nach außen als Effizienzsteigerung präsentiert. Auch dies ein (gängiges?) Modell oder nur Fiktion?

Jedes Modell hat seine Stärken und Schwächen. Auch jede Unternehmensarchitektur. Jedes Framework. Nutzen wir doch, was andere für uns erfunden haben. Arbeiten wir damit, adaptieren wir es und ergreifen wir doch die Möglichkeiten der IT, schöpfen das Automatisierungspotenzial aus, suchen für uns das passende der verschiedensten Modelle, wie die in diesem Heft beschriebenen Unternehmensarchitekturen (UA). Lernen wir doch zusammen aus den verschiedensten konzeptionellen Beiträgen, Fallstudien und Erfahrungsberichten.

Mit dem UA-Management soll den zu Beginn erläuterten Attributen nachhaltig Rechnung getragen werden. Durchgängigkeit, Nachhaltigkeit, IT-Business-Integration sind die Schlüsselwörter und deren Resultate lassen sich (noch) nicht nur in einer Total-Zelle in Excel messen. Dahinter stecken optimierte Prozesse, überarbeitete Abläufe, und dies immer aus der Ende-zu-Ende-Betrachtung und nicht nur aus dem subjektiven Winkel vom persönlichen Schreibtisch aus. In diesem Sinne: Continual Service Improvement - Steigerung der effektiven Effizienz, und dies nachhaltig, mittels IT-Unterstützung, gesundem Menschenverstand und mit eigener Erfahrung angereichert.

Ich freue mich ganz besonders auf die Erfahrungsberichte in diesem Heft.

Aus Erfahrung gut - und durch kontinuierliche Verbesserung immer besser, schneller oder in unserer Sprache: effizienter und effektiver! Also doch: "Same Procedure as Every Year"!

Ein herzliches "Cherioo Miss Sophie"

Mathias Traugott BBA Partner & Head glenfisSolution Glenfis AG Badenerstr. 623 CH-8048 Zürich mathias.traugott@glenfis.ch www.glenfis.ch