HMD 269, 46. Jahrgang, Oktober 2009

Wettbewerbsfaktor IT

Herausgeber: Hans-Peter Fröschle

Als E-Book bestellen
Gedruckte Ausgabe bestellen
Feedback an den Herausgeber
Zum Inhaltsverzeichnis

Einwurf

von Oliver Lindner

Position beziehen

Es scheint befremdlich, dass sich die IT wieder einmal mit dem Thema Wettbewerbsfaktor auseinandersetzt. Anscheinend gibt es Bedarf, über IT und deren Bedeutung für das Business zu sprechen, oder zumindest gibt es ein Verlangen hierzu, wie es aussieht. Vermutlich von Leuten aus der IT, die sich wie immer zu wichtig nehmen und den Wunsch hegen, endlich ernst genommen zu werden als Motor des Unternehmens statt als Öllache und potenzielle Ursache für "Ausrutschen" und Reinigungskosten.

Sie stehen vor dem Burgtor des Business und schreien: "Ihr könnt nicht ohne uns!"

Die IT belagert schon jahrelang nachhaltig das Business und selbst das bekannte Holzpferd (IT-Architektur, ITIL und Konsorten) hat bisher nicht geholfen, weil sich nachts dann doch keiner herausgewagt hat für den großen Sturm und die Veränderung. Statt Krieg der Knöpfe gab es bisher Krieg der Methoden, und das zumeist auf Papier als Absichtserklärung. Schön gedacht - schlecht gemacht.

Gut, es gab auch vereinzelt sehr positive und nachhaltige Effekte und Ergebnisse seitens der IT.

Aber nichts ist stärker als Ignoranz, und so kommt dem Business der Wunsch der Mitsprache der IT seltsam vor, denn bisher waren die ITler ja zufrieden, als "Business Enabler" zu gelten. Also in der Rolle der Leute, die die Straße teeren und die weißen Mittelstreifen ziehen dürfen, damit anschließend Verkehr stattfinden kann. Das ist der IT aber jetzt, nachdem sie der Pubertät entwachsen ist (zumindest glaubt sie das), nicht mehr genug. Sie will mehr, denn die Menschen aus der IT wollen auch bei der Fahrtrichtung mitsprechen. Mitgestalter soll das Ziel sein - statt Zweckerfüller. Wer den Führerschein hat, will ja auch mal ans Lenkrad, statt sein Leben im Kindersitz neben Papi zu fristen. Und wer nicht selber fährt, lernt es nie.

Das Wort Wettbewerbsfaktor suggeriert, dass die IT eine "entscheidende" Rolle spielt, um als Unternehmen in Summe wettbewerbsfähig zu werden und/oder zu bleiben.

Haben wir gelacht. Die IT verursacht Kosten. Punkt. Und überhaupt - alles wäre viel einfacher ohne die IT und weit weniger kompliziert. Zumindest behauptet dies das Business mit einer Ausdauer, die fast schon was Bewundernswertes aufweist. Vielleicht sollte das Business IT-Betrieb machen? Das tut es leider auch häufig an der IT vorbei. Aber jetzt im Sommer ist eine Schatten-IT auch sehr angenehm. Wegen der Hitze.

Nichtsdestotrotz, die Behauptung der trotzigen IT steht: "Die IT ist Wettbewerbsfaktor!!!"

Dies sind ja vermessene Töne, die hier durch die IT selbst angeschlagen werden und nicht neu klingen.

Passt da Selbst- und Fremdbild noch zusammen?

Wenn dem so ist, stelle ich mir die Frage, warum die IT zum einen ständig als Kostenfaktor gesehen wird und zum anderen, warum ihr nicht die entsprechende Bedeutung zukommt. Dies würde man in einem Organigramm sehen, wo der CIO auf Augenhöhe mit dem Business kommuniziert und nicht dem CFO wie dessen Firmling unterstellt ist, um ausschließlich anhand der Kosten gemessen zu werden, die angeblich die IT erzeugt. Na ja eigentlich erzeugt das Business und somit die Kunden die Kosten, wenn man ehrlich ist. Das wissen auch alle. Aber die IT ist ja schon immer in der Rolle des Prügelknaben diesbezüglich, und dann ist es ja auch besser, das so zu lassen, damit die Rolle kein anderer kriegt. Die arme IT.

Wie Jugendliche, die ihrem Vater beweisen wollen, dass sie nicht nur erwachsen, sondern auch fähig sind, ihr Leben selbst in den Griff zu bekommen, buhlt die IT um die Gunst und Anerkennung des Business.

"Siehst du denn nicht, dass ich gleichberechtigt und erwachsen bin?!"

Warum sonst müssten wir eine Diskussion führen, dass IT Wettbewerbsfaktor ist? Dass IT bereits heute Wettbewerbsfaktor ist (abhängig von der Branche mehr oder weniger) steht außer Zweifel. Nur die Erkenntnis in Summe scheint zu fehlen. Manchmal bereits aufseiten der IT selbst.

Wer sich selbst nicht liebt und schätzt, kann auch keinen anderen lieben und schätzen. Geschweige denn verstehen. Hier geht es um mehr als Wettbewerbsfaktor, hier geht es um Anerkennung und Akzeptanz.

Die IT in der Pubertät?

Und wie die "mutierenden" Jugendlichen, die voller Kraft sind, um sich zu beweisen, ist auch die IT aktiv und voller Energie. Sie engagiert sich fleißig mit ITIL, Projektmanagement, Prozessmanagement, CMMI, Six Sigma, Shared Services, Cloud Computing, Kundenorientierung, Requirement Management, Sourcing, Offshore, Cloud Computing, Virtualisierung, Automatisierung u.v.m.

Die IT ist willig. Sie schraubt, sie macht, sie spielt, sie leidet, reift und kämpft. Und sie spart. Meist im Auftrag von ganz oben (danke CFO!) und oft am falschen Fleck.

In der IT ist immer KRISE!

"Wir machen nur Projekte, wo wir was sparen, und Fortbildung ist aus!"

Das ist dann wie Gewinn ohne Umsatz und schlecht für die Vorbereitung auf Krisen, wie die Praxis beweist.

Ich glaube nicht, dass die IT noch viel mehr Energie in die oben genannten Aktivitäten bzw. Methoden stecken muss (Effizienz). Das wäre Engagement an falscher Stelle. Ich glaube, die IT muss jetzt mehr Energie in Reife (Strategie, Organisation & Führung), Akzeptanz & Vertrauen und Business Alignment investieren (Effektivität).

Aber da stellt sich mir eine Frage: Wie soll IT Wettbewerbsfaktor sein, wenn diese das Business und dessen Ziele, Probleme, Service & Produkte nicht kennt? Oder noch schlimmer: Wenn die IT weder ihre Kunden kennt noch mit ihnen spricht?

Die IT spricht von Business Alignment, um Wertschöpfung zu genieren, meint aber zumeist: "Wie viel Server und Datenbanken darf ich installieren, lieber Kunde?"

Die IT hat im Regelfall wenig Kenntnis in ihrem selbstgebauten Nest vom Business und dessen Bedarfe, Abläufe und Engpässe, die gelöst werden wollen. Gut - das Business selbst oft auch nicht, aber das ist ein anderes Thema.

Aber die IT erinnert häufig an den Spruch: "Nachdem wir uns komplett verlaufen hatten, haben wir unsere Geschwindigkeit verdoppelt." Und eine Definition von Wahnsinn ist: Immer das Gleiche zu tun und eine Veränderung zu erwarten. Technisches IT- Verständnis heißt nicht Business-Verständnis.

Erst wenn die IT das Business und die damit verbundenen Abläufe und Engpässe verstanden hat (Erkenntnis), wird sie einen festen Stand haben (Akzeptanz) und den langen Hebel (Menschen, Prozesse & Technologie), um die Business- & IT-Welt aus ihren Angeln zu heben, und nichts wird mehr sein, wie es war.

Dann wird sich die Frage nicht mehr stellen, ob IT Wettbewerbsfaktor ist. Dann ist IT Teil einer Business-Strategie und nicht mehr der "Hidden Champion", der ausschließlich im Auftrag des Business Straßen baut, sondern mitbestimmt, welche Fahrtrichtung es gibt.

Aber was, wenn das Business dann doch überraschenderweise sagt: "Na gut, dann macht halt mal!"

Ist die IT dann gut vorbereitet? Hat sie dann neben den Werkzeugen und Prozessen sowie einer sich ständig ändernden Organisation die richtigen Leute, um diese Mammutaufgabe zu übernehmen? Hat die IT die nötige Ausdauer? Sind die ITler von gestern die richtigen für morgen? Hat die IT im Vorfeld in diese Menschen investiert (Fach-, Methoden- und vor allem Sozialkompetenz)? Oder sind die Einzigen, die noch da sind, gebrochen sprechende Helpdesk-Mitarbeiter, die dann aus Indien heraus die Frage stellen: "Wollen Blumen kaufen?" Besitzt die IT dann vertrauenswürdige, authentische Anführer statt vor die Nase gesetzte?

Ich denke, diese Fragen sind wichtig und bedürfen einer Antwort.

Aber alles ist möglich, denn wer sagt, er kann nicht, der will nicht. Ich bin überzeugt, dass die IT will. Und dass sie auf einem guten Weg ist. Ich glaube, es gibt die R-Evolutionäre, die Veränderer und glaubwürdigen Menschen mit Hirn, Herz, Mut und Verstand, die weit über die reinen Bilanzzahlen, die pure Mangelverwaltung und den Shareholder Value hinaus denken. Es gibt sie im Bereich der Mitarbeiter, der Führungskräfte und im Management.

Vieles ist möglich, und die IT hat bereits an einigen Positionen Fahrt aufgenommen und gezeigt, was sie kann. Und wir werden schneller und schneller. Mit der nötigen Konsequenz, Veränderungsbereitschaft, Kompetenz und unserem Werkzeugkoffer (Methoden, Tools, Services, Prozesse) werden wir langfristig erfolgreich sein.

Liebes Business lass dir eins gesagt sein: "Wir kommen in großen Schritten und voller Energie, denn wir sind jung (erst 40!) und wild. Du wirst an unserer Bereitschaft, das Business als kritischen Erfolgs- und Wettbewerbsfaktor zu unterstützen, verzweifeln. Wir werden dir, völlig ungefragt, Verständnis, Zusammenarbeit, Wertschöpfung, Innovation und Mehrwert liefern."

Vielleicht sollten wir (die IT) das Business aufwecken und es laut hinausschreien: "Wir sind Synergie, wir sind gut und eine Voraussetzung für den Erfolg. Ihr könnt nicht ohne uns und wir nicht ohne euch!"

Vielleicht mit diesem Heft?

Wer weiß!?

Oliver Lindner Siemens VDO Automotive AG Siemensstr. 12 93055 Regensburg oliver.lindner@web.de