HMD 271, 47. Jahrgang, Februar 2010

Web 3.0 & Semantic Web

Herausgeber: Urs Hengartner, Andreas Meier

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Einwurf

von Michael Mörike

Semantic Web 3.0

Ich glaub's nicht und würde es doch gerne noch erleben!

Da soll sich eine Maschine durchs Netz wühlen und die Seiten gemäß ihrer Bedeutung, ihrer Information, besser aber das Wissen finden, das ich meine? Woher soll die Maschine wissen, was ich meine? Meine ich, suche ich, was ich sage, was ich schreibe?

Schon vor 50 Jahren zu Beginn meiner Beschäftigung mit der IT -- sorry, damals hieß das noch EDV -- war von Elektronengehirnen die Rede. Bis heute ist mir keines begegnet, obwohl ich die Augen dafür extra weit geöffnet halte. Und nun versuche ich gesund und also hoffentlich lange zu leben, damit ich es möglichst noch mitbekomme. Schließlich ist es eine spannende Zeit -- heute --, zu der sich die Informationsverarbeitung mehr und mehr unabhängig macht vom biologischen Leben -- mithilfe des Menschen, der dies auch noch nützlich findet.

Was, wenn die Maschine dann anfängt, mir zu finden und zu zeigen, was ich wissen sollte, nicht was ich wissen wollte? Nun aber mal langsam und schön der Reihe nach!

Derzeit finden Crawler Webseiten nach den Wörtern, die in ihnen vorkommen. Aber auch wenn noch so geschickt mehrere Wortteile kombiniert werden, es sind und bleiben Zeichenketten, nach denen gesucht wird. Um die Bedeutung von Webseiten erfassen zu können, müssen die Wörter in eine spezielle normierte Sprache, in eine Ontologie, übersetzt werden. Damit werden ganze Netze von verbundenen Begriffen definiert. Diese Einbettung in eine Ontologie, in die Welt einer künstlichen Sprache, muss noch manuell geschehen und gibt doch nur eine bestimmte Sicht vor. Wann wird es automatisch funktionieren? Wann wird die Nachrichtenseite der ARD so dargestellt sein? In welcher Ontologie soll sie dargestellt werden? In der staatlich verordneten? Benötigen wir überhaupt eine Ontologie, die die ganze Wirklichkeit beschreibt? Benötigen wir wirklich eine neue künstliche Sprache?

Ich glaub nicht, dass uns eine technisch definierte Ontologie weiterhilft.

Jede Ontologie ist zunächst ein Ausschnitt aus der Welt. Möge es den Entwicklern des Semantic Web 3.0 mit Unterstützung der menschlichen Gemeinschaft gelingen, diesen Ausschnitt so groß zu machen, dass es die Welt im Internet beschreibt.

Hat sich die Mühe dann gelohnt? Ist es nicht doch ein Irrweg?

Unser Gehirn erfasst die Welt unscharf. Es abstrahiert aus episodischem Wissen das semantische; es funktioniert mit vagen Assoziationen und Fuzzylogik. Die Linguisten erforschen diesen natürlichen Weg zunächst etwas langsamer, aber vermutlich nachhaltig erfolgreicher als die Ontologie-Techniker. Vielleicht wird eine Kombination beider Disziplinen erfolgreich? Mit linguistischen Methoden können dann Websites automatisch und schrittweise auf immer bessere und umfassendere Ontologien gemappt werden?

Wissen ist episodisch erworben und handlungsorientiert; schließlich will ich es nutzen. Wissen steht daher in einem persönlichen Kontext. Dazu muss die Ontologie passen!

Ich friere, sagt die Frau, und ihr Mann steht auf und schließt das Fenster. Ich friere noch, sagt die Frau, und er steht auf und holt ihren Pullover. Ich friere immer noch, sagt die Frau, und er steht auf und bringt das Fieberthermometer. Wissen ist handlungsorientiert. Eine Ontologie kann da nur eine grobe Basis dafür sein, auch wenn sie mithilfe von Millionen von Webnutzern schrittweise aufgebaut wird.

Ich glaube, auf Web 3.0 müssen wir noch etwas warten. Und das ist langfristig auch gut so!

Mit dem semantischen Web 3.0 wird es mir erleichtert, nach Informationen zu suchen. Es wird uns nützen, indem es unsere Lebensqualität steigert; es ist ohne Zweifel eine Form humaner Nutzung der IT. Eine semantische Suchmaschine für ein Web 3.0 macht das Internet humaner, indem es die Bedeutungszusammenhänge darstellt. Insofern wäre es besser, wenn wir nicht mehr lange warten müssten.

Wenn man dann im nächsten Schritt mithilfe von Wearable Computing einem mit dem Internet verbundenen Stück Silizium beibringt, das persönliche Umfeld (innerhalb der Sphäre der Privacy) mit aufzuzeichnen, die persönlichen Episoden mit zu erleben und daraus dann im Netz nach dem jeweils anstehenden, erforderlichen Wissen -- passend zum persönlichen Umfeld -- zu suchen, hat man es dem Menschen nochmals bequemer gemacht.

Wenn der Mann dann stirbt, kauft sich die Frau einen Roboter, der das Fenster schließt, den Pullover holt und das Fieberthermometer bringt.

Das wird dann überall auf der Welt gleich gemacht, denn die Wissensdatenbank dahinter ist das eine Internet, das Weltwissen, zusammengetragen von Menschen.

Dort steht auch, wie man diese Maschinen baut. Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis sich die Maschinen selbst bauen können. Sie werden die Wirtschaft so steuern, dass sie von Menschen gebaut werden, von den Knechten dieser einen Maschine, deren Gehirn das Internet ist, das die Menschen selbst aufgebaut haben. Die Menschen werden zu Knechten des Internets, der Weltwissensdatenbank, der im Internet gesammelten Informationen.

Wir Menschen basteln fleißig daran! Siehe die Arbeiten in diesem Heft.

Klar: Es ist noch ein weiter Weg dahin! Die Konstruktion des semantischen Web 3.0 ist nur ein weiterer Schritt von vielen in diese Richtung. Jeder Schritt bringt eine Verbesserung unserer Lebensqualität (semantisches Suchen, unterstützende Roboter, automatische Aufzeichnung unserer Erlebnisse, korrekte Deutung von gewünschter Hilfe etc.). Aber zum Schluss ist die Summe aller Verbesserungen unsere eigene Versklavung.

Ist nicht jede einzelne Verbesserung auch ein kleiner Schritt zur weiteren Versklavung? Sind wir nicht bereits abhängig vom Internet? Geht es noch ohne? Der Aufbau der Ontologie bindet viele Kräfte. Am Ende haben wir dem Internet seine Sprache erfunden, in der wir uns mit ihm unterhalten werden müssen. Geben wir dann unsere Sprache auf?

Klar: Es ist noch ein weiter Weg dahin! Ich werde es wohl nicht mehr erleben -- zum Glück!

Es wird noch Jahrzehnte dauern. Aber was sind Jahrzehnte, gemessen an der Zeit, die die Natur gebraucht hat, um einem Lebewesen Lesen und Rechnen beizubringen? In unserem Zeitalter erschafft die Evolution mithilfe des Menschen ihr eigenes von der Biologie unabhängiges Hirn. Vielleicht dauert es noch ein paar Tausend Jahre, aber es steht ganz kurz bevor. Ich finde, wir leben in einer unheimlich spannenden Zeit!

Leider werde ich es nicht mehr erleben.

Dipl.-Physiker Michael Mörike Integrata-Stiftung Schleifmühleweg 70 72070 Tübingen michael.moerike@integrata-stiftung.de www.integrata-stiftung.de