HMD 274, 47. Jahrgang, August 2010

Green Computing & Sustainability

Herausgeber: Jorge Marx Gómez, Susanne Strahringer, Frank Teuteberg

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Einwurf

von Horst Junker

Die Beliebigkeit der Nachhaltigkeit in der betrieblichen Umweltinformatik

1992 begann der Aufbruch in Rio de Janeiro. Auf dem dortigen Weltgipfel wurde die nachhaltige Entwicklung ausgerufen ... und alle, alle folgten diesem Ruf. Konsequent wurden vielfältige Aktivitäten gefordert und entwickelt - unter dem Rubrum der Agenda 21 bis hinunter auf die lokale Ebene, zahlreiche NGOs machten und machen sich für eine nachhaltige Entwicklung stark.

Auf der politischen Ebene ist die Forderung nach einer nachhaltigen Entwicklung allerdings inzwischen zur Beliebigkeit verkommen. Nachhaltigkeit wird bestenfalls als verbale Keule in politischen Auseinandersetzungen geschwungen. Die seinerzeit postulierte Trias einer sowohl ökonomischen als auch ökologischen und sozialen Entwicklung - die sogenannte Triple Bottom Line - als unabdingbare, sich in ihren Komponenten notwendigerweise ergänzende Ganzheitlichkeit ist im politischen Prozess verloren gegangen. Der Begriff der Nachhaltigkeit ist heute weitgehend sinnentleert und hat sich verselbstständigt. Gegenwärtig ist so ziemlich alles nachhaltig - beispielsweise wird uns versichert, dass die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung nachhaltig sei.

Obwohl gesamtgesellschaftlich die Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung akzeptiert ist, ist sowohl im politischen Raum als auch in den Unternehmen jenseits von Sonntagsreden und Lippenbekenntnissen wenig Bemühen erkennbar. Nicht einmal die sich aus der Nachhaltigkeit zwingend ergebende Forderung nach einer Harmonisierung von Ökonomie und Ökologie wird vorangetrieben. Unternehmen und ihre Lobbyisten haben es bis heute erfolgreich verstanden, zu verdeutlichen, dass die Realisierung ökologischer Maßnahmen in ihren Betrieben nicht tragbare, negative ökonomische Auswirkungen hat, die ihrer globalen Wettbewerbsfähigkeit abträglich sei. Umweltschutzbemühungen werden ausschließlich als Kostenfaktor identifiziert und mit dem Schlagwort "Umwelt kostet" belegt.

Wenn auch die Wirtschaft bislang den Nachweis für die Richtigkeit dieser Aussage schuldig geblieben ist, kann sie aber so lange nicht als abwegig betrachtet werden, als Umweltschutzmaßnahmen im Wesentlichen durch den Einsatz sogenannter End-of-Pipe-Technologien getragen werden. Beispielsweise werden Maßnahmen zur Emissionsreduktion meist dadurch realisiert, dass am Ende eines ansonsten unveränderten Fertigungsprozesses zusätzliche technische Maßnahmen - mit dem Ziel der Erfüllung rechtlicher Vorgaben - ergriffen werden, um Umweltschädigungen zu vermindern. Somit werden Umweltschutzmaßnahmen additiv, nicht integrativ ergriffen.

Auf diese Weise ist der Weg zu einer Harmonisierung von Ökonomie und Ökologie verbaut, und es zeigt sich, dass die von den Unternehmen vorgetragene Notwendigkeit einer nachhaltigen Entwicklung in ihrem betrieblichen Alltag nicht wirklich gelebt wird.

Etwa gleichzeitig mit dem Beginn einer weltweiten Popularisierung des Nachhaltigkeitsgedankens wurden in Deutschland erste Versuche unternommen, die wissenschaftliche Disziplin einer betrieblichen Umweltinformatik (BUI) aufzubauen, ohne dass deren Ergebnisse in der Praxis der Unternehmen hinreichend beachtet wurden. Das mag unter anderem darin begründet sein, dass die frühe BUI die Ergebnisse der Nachhaltigkeitsdiskussion faktisch nicht zur Kenntnis genommen hat. Vielmehr ließ sie sich hauptsächlich von der Fragestellung leiten, wie das Aufgabenspektrum des betrieblichen operativen Umweltmanagements durch IT unterstützt werden kann. Insbesondere sah und sieht sie sich vor die Aufgabe gestellt, den staatlicherseits gesetzten Verpflichtungen so nachzukommen, dass die Unternehmen in einem rechtssicheren Rahmen agieren können.

Auch vonseiten der BUI wird bei ihren Systementwicklungen das Ziel einer Harmonisierung von Ökonomie und Ökologie weitgehend außer Acht gelassen. Zwar wird argumentiert, dass jenseits der Unterstützung der Rechtskonformität Softwaresysteme entwickelt werden, die dem betrieblichen Umweltschutz dadurch dienen, dass sie auf der betrieblichen Inputseite zur Material- und Energiereduktion und auf der Outputseite zur Minderung von Emissionen und Abfällen beitragen und somit mittelbar auch kostenwirksam sind. So richtig diese Feststellung auch sein mag, eine gemeinsame, gleichzeitige und gleichwertige Berücksichtigung ökonomischer und ökologischer Ziele hat - ähnlich wie aufseiten der Unternehmer wiederum ohne konkrete Nachweise - die These aufgestellt: "Umweltschutzsoftware rechnet sich."

Damit stehen sich in der Unternehmenswirklichkeit zwei Thesen konträr gegenüber. Nimmt man die Machtverhältnisse in den Unternehmen zur Kenntnis, dann ist augenfällig, welche der beiden Thesen das Unternehmenshandeln bestimmt.

Die Daseinsberechtigung einer wissenschaftlichen Disziplin wird im Wesentlichen durch ihre gesellschaftliche Akzeptanz bestimmt. Solange diejenigen, die der These nachhängen, dass Umweltschutz kostenträchtig sei, im gesellschaftlichen Spektrum die deutlich größeren Machtpotenziale besitzen, hat die BUI - so wie sie bislang betrieben wird - einen sehr schweren Stand. In einem Überblick über die rund zwei Dekaden der Existenz dieser Disziplin ist zu erkennen, dass die Euphorie der frühen Jahre deutlich geschwunden ist, was sich beispielsweise an der beständig geringer werdenden Publikationsdichte festmachen lässt. Die frühen Protagonisten haben sich weitgehend verabschiedet und sich anderen Themen zugewandt - wohl auch wegen geringer Resonanz ihrer Ergebnisse in der betrieblichen Praxis.

Damit wird erkennbar, dass sich die BUI offenbar verrannt hat. Die mangelnde Akzeptanz bzw. die Verkürzung des Nachhaltigkeitsbegriffs ausschließlich auf Umweltphänomene hat ihr massiv geschadet. Sie mag noch effiziente Ergebnisse erarbeiten, doch sie arbeitet nicht (mehr) effektiv.

Die BUI, für die nicht "Green IT", sondern "IT for Green" im Fokus ihres Aufgabenspektrums stehen muss, bedarf einer radikalen Rückbesinnung. Ihre Prämissen und - soweit vorhanden - ihre Konzepte sowie ihre Aufgabenschwerpunkte müssen infrage gestellt werden. Ein "weiter so" - wie in den letzten zehn Jahren - führt hoffnungslos in eine Sackgasse. Auf diese Art und Weise ist die Disziplin dabei, sich überflüssig zu machen.

Eine "radikale" Rückbesinnung hat an die Wurzeln zu gehen und das gesamte bislang etablierte Wissenschaftsgebäude infrage zu stellen. Es erscheint nunmehr dringend geboten, die Ergebnisse der seit 20 Jahren geführten Nachhaltigkeitsdebatte aufzugreifen, für die BUI zu operationalisieren und daraus einen Ausgangspunkt holistischer, grundsätzlicher Überlegungen zu machen. Damit hat sie die Chance, wieder an gesellschaftlicher - und betrieblicher - Akzeptanz und Relevanz zu gewinnen und ihren Stellenwert im Wissenschaftsgebäude zurückzugewinnen. Zudem kann die BUI so auch einen Beitrag dazu leisten, dass der Nachhaltigkeitsbegriff weiter konkretisiert und seiner gegenwärtigen Beliebigkeit entzogen wird.

Prof. Dr. Horst Junker IMBC GmbH Ostendstr. 25 12459 Berlin horst.junker@imbc.de www.imbc.de