HMD 276, 47. Jahrgang, Dezember 2010

Geoweb

Herausgeber: Karl Rehrl, Siegfried Reich

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Einwurf

von Josef Strobl

Von Visionen, Positionen und virtuellen Geistern

"Imagine a young child going to a Digital Earth exhibit ... she sees Earth as it appears from space ... she zooms in, using higher and higher levels of resolution, to see continents, then regions, countries, cities, and finally individual houses, trees, and other natural and man-made objects. Having found an area of the planet she is interested in exploring, she takes the equivalent of a ›magic carpet ride‹ through a 3-D visualization of the terrain. Of course ... she is able to request information on land cover, distribution of plant and animal species, real-time weather, roads, political boundaries, and population. She can also visualize the environmental information that she and other students all over the world have collected as part of the GLOBE project. [...] To prepare for her family's vacation to Yellowstone National Park, for example, she plans the perfect hike to the geysers, bison, and bighorn sheep that she has just read about. In fact, she can follow the trail visually from start to finish before she ever leaves ..."

Dieser Auszug aus der bekannten "Digital Earth"-Rede des damaligen Vizepräsidenten Al Gore geht auf das Jahr 1998 zurück und ist im Rückblick als Vision interessant - immerhin wurde erst 2001 die Firma Keyhole als Vorläufer von Google Earth gegründet. Google Earth als Produkt steht uns seit 2005 zur Verfügung, mittlerweile sind virtuelle Globen als Softwarekategorie nicht mehr wegzudenken.

Seither steht auch der Begriff des "Geospatial Web" oder kürzer des "Geoweb" zunehmend im Mittelpunkt, und zwar im Mittelpunkt von Diskussionen, alltäglicher Anwendungspraxis und auch wirtschaftlicher Ambitionen - Letztere bisher von sehr gemischten Erfolgen begleitet.

"Das" Geoweb ist allerdings auch (noch?) charakterisiert von unterschiedlichsten individuellen Betrachtungsweisen - die Karte als GUI und integrierte Positionierungsdienste sind wohl der gemeinsame Nenner. Die Mächtigkeit der Idee Geoweb liegt aber wohl woanders: "geospatially processing information, not just processing spatial information" oder auch mit Blick auf Google's Earth/Map mission statement "to geographically organize the world's information and make it universally accessible and useful". Und eben nicht "to organize the world's geographic information"!

Damit ist eigentlich schon vieles gesagt:^Das Geoweb bietet eine Sicht auf das Informationsuniversum des Internets, erschließt dieses aus der räumlichen Perspektive. Diese ist unentbehrlich, wenn wir die Brücke zwischen virtuellen Welten und dem realen Leben schlagen wollen: Heute gilt weniger das geläufige Schlagwort "content is king", sondern eher "context is king" (die politische Korrektheit dieser Formulierung sei hier erst einmal nicht hinterfragt ;-).

Sicherlich bezieht sich die - grob geschätzt -klare Mehrheit aller Online-Interaktionen auf die "reale Welt". Damit ist unser aktueller Standort oder die intendierte Destination oder eben eine "location of interest" der wichtigste Faktor, der den Kontext, und damit auch zentrale Aspekte der Semantik, definiert. Daher kommen auch die Popularität von ortsbasierten Diensten, das Faktum Kaum-ein-Handy-ohne-GPS-Chip und die explodierende Bedeutung georeferenzierender Plattformen.

Alles großartig, somit? Nun, immer wenn Information über mehrere unterschiedliche Indizes erschlossen wird, gewinnen wir an Trennschärfe und Treffergenauigkeit. Der räumliche Index der Positionierung ist dabei besonders effektiv - ebenso die damit ermöglichte Raster fahndung im mehrdimensionalen Sinn.

Genau daraus ergeben sich verstärkt Betroffenheit, Bedenken und Ablehnung, rezent manifestiert in der Street-View-Diskussion. Der "Streisand effect" (benannt nach der Klage von Barbara Streisand 2003 gegen die Publikation von Luftbildern ihres Wohnpalasts in Malibu) demonstriert den Konflikt von allgemeinem Interesse vs. Privatsphäre, von Attraktivität bildlicher Kommunikation vs. persönlicher Exponiertheit.

Unsere persönliche "comfort zone" hat viel mit Nähe und Distanz zu tun, die Psychologie zeigt uns interessanterweise auch weltweit signifikante Unterschiede in dieser Wahrnehmung. Jedenfalls bewirken hochauflösende^Geoinformation, persönliche Lokalisierung und pervasives "Monitoring" erhöhten Regelungsbedarf für diese "comfort zone" = Privatsphäre. Aus Sicht der Geoinformation ist dies bestens illustriert in einem Video von GSDI-Generalsekretär Harlan Onsrud unter: www.scivee.tv/node/^12559!

Klar kann heute festgehalten werden, dass der zentrale, erfolgsbestimmende Faktor für die Attraktivität von Location Based Services (LBS) in der allgemeinen Öffentlichkeit, und damit in der Wirtschaft, nicht mehr Technik, Standards oder Geschäftsmodelle sind, sondern eine proaktive und zufriedenstellende Auseinandersetzung mit^Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre ist.

Damit wird auch einer der Punkte ersichtlich, der in der Vision von Al Gore durch das Szenario Nationalpark (dort wohnt ja niemand ...) unbewusst-elegant in den Hintergrund gestellt wird: Wir alle sind heute nicht nur Empfänger, sondern ebenso Sender (auch) georeferenzierter Information. Teils aktiv durch VGI ("volunteered geographic information", wie z.B. in OpenStreetMap), großteils unfreiwillig als "citizen sensors" exponieren wir uns, ohne noch die Konsequenzen zu überblicken.

Bürgerbeteiligung und Partizipation, geosoziale Netzwerke und kontextuelle Informationsbereitstellung sind die positiven Begriffe dazu; Überwachung, Verlust der Kontrolle über "meine" Informationen und z.B. außer Kontrolle geratenes Geomarketing illustrieren eine kritische Position. Wollen wir tun, was wir tun können? Nutzen wir Technologien, weil wir diese zur Verfügung haben? Wie können wir Nutzen und Problemfelder abwägen? Fragen, die wir uns bei 30-m-Pixeln zu Zeiten von Landsat noch nicht stellen mussten ...

Und wenn wir darin übereinstimmen, dass die Vorteile des Geoweb die Risiken überwiegen, weil wir Letztere im Griff haben (?) - wie sieht es mit neuen "digital divides" aus? Als ich neulich einem Taxifahrer in Dublin erzählte, was ich denn beruflich so mache, und er meine Bemühungen, dies via Satellitenbilder und Google Earth zu illustrieren, mit einem "this is all way above my head" quittierte, ging die doppeldeutige Ironie seiner Aussage wohl klar an ihm vorbei.

Das staatliche Machtmonopol an und über Geoinformationen ist mittlerweile gebrochen, nur mehr in Lateinamerika dominieren die traditionellen "militärgeografischen Institute". Wir arbeiten mit Karten als "Prosumer", nutzen und generieren Geoinformationen im persönlichen und beruflichen Alltag, engagieren uns "auf Augenhöhe" als Bürger im Dialog mit wirtschaftlichen und staatlichen Instanzen (siehe z.B. Google Outreach) ... aber, werden wir persönliche Lokalisierung und detailreiche Geoinformationen vielleicht bald als Geister-die-wir-riefen sehen? Oder sind Geoinformatiker erfolgreichere Zauberlehrlinge, indem diese "Geister auch nach meinem Willen leben"?

Prof. Dr. Josef Strobl Universität Salzburg Zentrum für Geoinformatik Heilbrunnerstr. 34 A-5020 Salzburg josef.strobl@sbg.ac.at www.uni-salzburg.at/zgis