HMD 280, 48. Jahrgang, August 2011

Communitys im Web

Herausgeber: Andreas Meier, Siegfried Reich

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Einwurf

von Matias Roskos

Community – die Deppen, die für mich arbeiten?

Mehrwerte mit einer Community. Wie geht das?

Kennen Sie den Begriff Aal? Nein – nicht den Fisch! Aal steht für "Andere arbeiten lassen". Zurück zum guten alten Manchester-Kapitalismus! Mit den Mechanismen des modernen Internets. YouTube als großes Vorbild, als Masterplan. Sozusagen die Community als Billigwerkbank des 21. Jahrhunderts. Davon träumen derzeit viele Unternehmen und Marketingchefs.

Wie war das denn noch bei YouTube? Die haben doch da alles umsonst gemacht. Diese komische Community. Gründung von YouTube war im Februar 2005. Verkauft im Oktober 2006 für umgerechnet 1,31 Milliarden Euro (in Aktien). An Google. Nachdem die Community YouTube groß gemacht hatte, indem sie Tonnen von Videos hochgeladen und diese dann verschlagwortet, angeschaut, weitergereicht hatte. Clicks, Views und Kommentare ohne Ende. Crowdsourcing nennt man das. Ein Gebiet, mit dem ich mich übrigens seit 2006 intensiv beschäftige. Siehe hierzu die Crowdsourcing-Definition im Glossar dieser HMD-Ausgabe.

"Ausbeutung!", rufen da immer wieder selbsternannte Anti-Internet-Experten. Die Nutzer bekamen ja nix ab vom 1,31-Milliarden-Kuchen. Oder doch? War es Aal? Wurden die Gründer von YouTube – Chad Hurley, Steve Chen und Jawed Karim, übrigens ehemalige PayPal-Mitarbeiter – zu Milliardären, indem sie die Community, diese dämlichen Internetnutzer, ausbeuteten, ohne adäquate Gegenleistung?

Schauen wir uns ein anderes extrem erfolgreiches Web-2.0-Projekt an: Holidaycheck.de. Deren Fokus liegt stark auf dem deutschsprachigen Markt. Funktioniert das hierzulande auch so gut? Das mit der Community und dem Aal?

Tausende von Hotelbewertungen, Fotos, Kommentaren, Videos finden sich auf der gut gemachten Plattform. Sie wurde 2010 zu einer der meistbesuchten Seiten bei der Reiseplanung der reisefreudigen Deutschen. Holidaycheck.de schreibt schwarze Zahlen aufgrund des beachtlichen monatlichen Traffics von etwa 315,5 Millionen Pageimpressions (IVW-Ausweisung September 2010) und einer Community von knapp 775.000 Mitgliedern (Wachstum 2010: 235.300 neue Community-Mitglieder). 2010 wurden 469.000 Beiträge in deutscher Sprache geschrieben und 774.200 Fotos hochgeladen. Insgesamt befinden sich auf Holidaycheck.de 2,18 Millionen Fotos sowie 1,79 Millionen Bewertungen für 105.900 Hotels und Pensionen. Ich selbst nutze Holidaycheck.de übrigens auch immer häufiger. Weil man sich ein gutes Bild von dem Hotel machen kann, in dem man vielleicht nächtigen möchte.

Und was bekommen die Leute dafür? Auf den ersten Blick nix. Wie bei YouTube. Und das ist bei Qype, Flickr, Twitter oder Facebook nicht anders. Die Community befüllt die Plattformen mit Content. Sie verschlagwortet, kommentiert. Es werden Bilder, Videos hochgeladen, lange Beiträge geschrieben. Die Community gibt Informationen von sich preis. Jeder Einzelne von uns. Und wofür?

Die Firmen jedenfalls wirtschaften (zumeist) sehr erfolgreich. Einige planen den Börsengang, bei anderen stehen die Investoren Schlange. Doch ohne Community wären all diese Plattformen nix wert. Es wäre leere Software, die im Netz auf Zulauf wartet. Und auch davon gibt es etliche. Software, die keiner nutzt. Plattformen, die vor sich hin dümpeln. Ohne Community. Und die somit kaum noch was wert sind.

Wenn ich Unternehmen berate und Konzepte für den Community-Aufbau ausarbeite, dann versuche ich meinen Kunden zu erklären, was die wichtigsten Aspekte für den Erfolg eines Community-Projekts sind. Der wichtigste Aspekt ist die Beantwortung der Frage: "Warum soll ich da mitmachen?" Genau diese Frage stellt sich jedes potenzielle Mitglied einer Community! "Warum? Was bringt mir das? Was habe ich davon?" Eigentlich ganz einfach, oder? Und diese Frage können die wenigsten Unternehmen, die davon träumen, eine Community für sich arbeiten zu lassen, wirklich beantworten.

Wobei in der Formulierung "für sich arbeiten lassen" bereits der erste Kardinalfehler liegt. Denn es sollte nicht darum gehen, eine Community FÜR sich arbeiten zu lassen, sondern vielmehr darum, gemeinsam mit einer Community etwas zu erreichen. Wie die konkrete Zielsetzung einer Community-Plattform dann ausschaut, muss in der Strategieplanung vorab ausgearbeitet werden. Auch das machen die wenigsten zurzeit.

Kehren wir zurück zu YouTube und Holidaycheck.de und den anderen Internetplattformen des Social Web. Um das mal klarzustellen: Ich liebe YouTube! Ich liebe Facebook. Twitter nicht ganz so doll. Aber auch das nutze ich. Des Berufes wegen. Nicht, dass wir uns hier missverstehen.

YouTube wurde groß mit seiner starken Community. War das nun Aal? Wie wurde die Frage der Community-Mitglieder "Warum soll ich da mitmachen?" beantwortet? Ganz einfach: YouTube stellte kostenlos einen Service zum Hochladen und Hosten von Videos zur Verfügung!

Wo gab es das vorher schon? Dass man seine Videos irgendwo kostenlos im Netz ablegen konnte? Und dann bauten sie um diesen an sich ganz simplen Service auch noch eine Software, die gut funktionierte. Und die es den Community-Mitgliedern erlaubte, ihre Videos mit anderen zu teilen, sie zu kommentieren und sie dann auch noch auf anderen Webseiten einzubinden. Alles kostenlos! YouTube stellte die Server zur Verfügung, die Infrastruktur, die Software.

Aal? Nein! Denn YouTube investierte Geld, viel Geld, in seinen Service und bot der Community einen echten Mehrwert. Und Gleiches findet man bei Facebook, Twitter, Qype oder dem von mir beschriebenen Holidaycheck.de. Holidaycheck baute eine erstklassige Software und stellte den suchenden Menschen eine Plattform zur Verfügung, auf der sie Fotos, Videos und Bewertungen finden, die ihnen helfen, ihren Urlaub oder ihre Geschäftsreise zu planen. Ein Service, den viele Menschen gern in Anspruch nehmen. Kostenlos wohlgemerkt.

Dann ist man als Community-Mitglied auch gern bereit, etwas zurückzugeben. Oft sogar unbewusst. Ja, man arbeitet für die Plattform. Man hilft mit seiner Bewertung oder dem hochgeladenen Foto, die Plattform ein Stück weit wertvoller und interessanter für andere zu machen. Aber das ist keine Ausbeutung im Sinne des Manchester-Kapitalismus. Denn man bekommt etwas zurück. Einen gut funktionierenden Service, den man kostenlos nutzen kann. Eine Software und Inhalte, die einem helfen. Die Frage "Warum soll ich da mitmachen?" wurde beantwortet, weil es für das potenzielle Community-Mitglied echte Mehrwerte durch die Nutzung gibt.

Und dann wird aus Aal (Andere arbeiten lassen) "Gemeinsam etwas schaffen". Zum Vorteil aller. Für den Macher einer Community-Plattform genauso wie für jedes Community-Mitglied. "Gemeinsam" ist hier für mich das Zauberwort. Die Plattformbetreiber als wichtiger Bestandteil der Community. Zuhören, lernen, gemeinsam vorwärts gehen und Werte schaffen.

Wem dies jedoch als Unternehmen nicht gelingt, der wird keinen Erfolg haben mit seinem Community-Projekt. Die entscheidende Frage – "Warum soll ich da mitmachen?" – muss beantwortet werden. Um dann gemeinsam eine echte Wertschöpfung in Gang setzen zu können. Mehrwerte mit einer Community statt Aal.

Matias Roskos Crowdsourcing-Experte VOdA – die Community und Crowdsourcing Agentur Kopernikusstr. 21 10245 Berlin roskos@vo-agentur.de www.vo-agentur.de www.socialnetworkstrategien.de