HMD 283, 49. Jahrgang, Februar 2012

Open Source - Konzepte, Risiken, Trends

Herausgeber: Susanne Strahringer

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Einwurf

von Peter A. Henning

If I like a program I must share it

Es gab eine Zeit, in der Computer selten waren - und Software gleichzusetzen mit Mangelware. Nein, gemeint ist nicht das frühe 20. Jahrhundert, sondern das ist gerade einmal 35 Jahre her. Großrechner und Mikrocomputer stellten den modernsten Stand der Technik dar, und Ken Olsen, der CEO von DEC, sagte: "There is no reason for any individual to have a computer in his home." Tatsächlich, kaum jemand hatte komplexe Programme für die Mikros. Mein persönliches Highlight war ein Programm (geschrieben in 8080-Maschinencode), mit dem ich auf einer alten CNC-Tastatur getippte Buchstaben in Morsezeichen umwandeln und über den Amateurfunksender ausgeben konnte. Und wie stolz war ich, als ein anderer Funkamateur danach fragte und sich eine (getippte) Kopie erbat.

1984 erschien der erste Macintosh-Computer, in Deutschland wurde die erste E-Mail verschickt und Richard Stallman verließ das MIT, um mit GNU ein frei verfügbares Betriebssystem zu entwickeln (GNU = GNU's not Unix). 1985 erschienen der Atari ST, der Commodore Amiga und für "IBM-kompatible" Computer das etwas unhandliche Windows 1.01. Stallman brachte die Gründe dafür, dass Menschen frei verfügbare Software entwickeln wollen, im GNU Manifesto auf den Punkt: "I consider that the Golden Rule requires that if I like a program I must share it with other people who like it." Die von Stallman gegründete Free Software Foundation (FSF) ist noch heute einer der wesentlichen Eckpfeiler der gesamten Open-Source-Bewegung, von ihm stammen Kernstücke der heutigen freien Software, so etwa der Emacs-Editor, der GNU C-Compiler gcc und der GNU Debugger gdb. Wohlgemerkt: Dies alles begann zu einer Zeit, als das Internet gerade einmal 1.000 Computer umfasste - und der Softwaretausch durch Diskettenversand erfolgte. Legendär waren die von Fred Fish zusammengestellten Fish-Disks für den Amiga mit jeweils 720 KByte an Anwendungssoftware und Spielen. 1989 veröffentlichte die FSF die erste bedeutende Lizenz für Open-Source-Software, die GNU Public License (GPL), 1991 begann Linus Torvalds mit der Entwicklung des freien Unix-ähnlichen Betriebssystems Linux. Mit dem Browser Mosaic und dem Webserver Apache wurde ab 1995 das World Wide Web für die Allgemeinheit nutzbar. Bedarf und Angebot an freier Software stiegen dramatisch an. Als problematisch aufgrund unterschiedlicher Interpretationen erwies sich dabei, dass die FSF das englische "free" wörtlich auf den Freiheitsbegriff bezieht und nicht etwa als "kostenlos" interpretiert. Bruce Perens formulierte deshalb 1997 die Open Source Definition, einen Metastandard für Softwarelizenzen. Der Begriff "Open Source" selbst geht auf Christine Peterson zurück, 1985 eine der Begründerinnen des Foresight Institute. Ein weiterer wesentlicher Schritt in der Geschichte von Open Source war der Vortrag "The Cathedral and the Bazaar", den Eric S. Raymond 1997 auf dem 4. Internationalen Linux-Kongress in Würzburg vortrug. Er präzisierte darin zwei unterschiedliche Modelle: Im Kathedralenmodell wird zwar der Quellcode von Software veröffentlicht - aber nur in mehr oder weniger großen Abständen. Im Basarmodell hingegen werden auch Zwischenstände der Softwareentwicklung veröffentlicht, die Entwicklung verläuft darin stabiler und schneller als nach dem Kathedralenmodell. Der Grund dafür ist in der niedrigeren Einstiegsschwelle für Programmierer zu sehen - sie können im Basarmodell schnell auch kleine Beiträge leisten. 1998 entstand unter Mitwirkung von Raymond, Perens und Jon "Maddog" Hall die Open Source Initiative (OSI). Die OSI vergibt das Zertifizierungssiegel OSI certified für Open-Source-Software, wenn diese unter einem der von der OSI gelisteten Lizenzmodelle vertrieben wird. Geändert hat sich sehr viel, Open Source ist erwachsen geworden. Nicht geändert hat sich dagegen die soziologische Struktur der Open- Source-Gemeinde (Zahlen aus der FLOSS-Studie 2002 - 2005):

Bei der Entwicklung von Open-Source-Software kommt es also in erheblichem Maße zum Transfer von Wissen zwischen IT-Industrie, Hochschule und der gesamten technologischen Gesellschaft. Die Beschäftigung mit Open-Source-Software führt für Studierende der Informatik zu einem erheblichen Wissenssprung und verschafft ihnen Zugang in professionelle Netzwerke. Open-Source-Software-Entwicklung stellt also ein exzellentes Beispiel für das selbst gesteuerte informelle Lernen am Computer dar.

Für Unternehmen der IT-Industrie kann umgekehrt die Einbindung ihrer Mitarbeiter in die Open-Source-"Gemeinschaft" einen wesentlichen Beitrag zum Wissens- und Talentmanagement leisten und sogar firmeneigene Weiterbildungsprogramme zumindest ergänzen. Jedem Unternehmen der IT-Branche ist es deshalb zu empfehlen, die Mitarbeiter zur Beteiligung an Open-Source-Projekten zu ermutigen und hierfür auch die kontrollierte Nutzung von Binnenressourcen zu tolerieren. Klar, dass dies auch ein Umdenken in den Firmen notwendig macht - doch die Teilhabe am externen Innovationsmotor Open Source erfordert eben auch eine interne Prozessinnovation.Last, but not least: Die Motivation des einzelnen Entwicklers, an Open-Source-Projekten teilzunehmen, hat sich offenbar nicht geändert. Softwareentwicklung ist und bleibt mehr als Arbeit und Dienstleistung, sie ist vielmehr auch heute noch Kunst und Wissenschaft - und man kann stolz sein, ein Stück eigener Softwareleistung mit anderen zu teilen.

Prof. Dr. Peter A. Henning Hochschule Karlsruhe Institute for Computers in Education Moltkestr. 30 76133 Karlsruhe peter.henning@hs-karlsruhe.de www.ice-karlsruhe.de