HMD 284, 49. Jahrgang, April 2012

Strategisches IT-Management

Herausgeber: Josephine Hofmann, Matthias Knoll

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Einwurf

von Raymond Tischendorf

Strategisches IT-Management - neuer Profilierungsversuch des CIO oder ernst gemeint?

"Die IT ist ein kritischer Faktor für den nachhaltigen Geschäftserfolg eines Unternehmens." Dieses Credo trägt heute jeder CIO vor sich her, denn es unterstreicht die herausragende Bedeutung der IT und damit die Bedeutung des CIO. Doch solange dieser Satz nicht von den Fachbereichen und der Geschäftsführung mit Überzeugung ausgesprochen wird, bleibt es nur bei einer Behauptung der IT.

Begriffe wie "wichtig" oder "unternehmenskritisch" beeindrucken die Fachbereiche nicht mehr, die IT ist nun "strategisch". Dazu will der CIO ein strategisches IT-Management einsetzen, das die Steuerung durch Zentralisierung der IT, des IT-Budgets und der IT-Beschaffung vorsieht und konsequent auf Standards setzt. Weil aber diese Argumentation nur IT-Begriffe enthält, wenden sich die Fachbereiche ab. Das nicht unerhebliche IT-Wissen der Fachbereiche verlangt nach demokratischen Strukturen bei der Mitbestimmung der Richtung der IT bei gleichzeitig klarer Zielfokussierung. Vom eigenen PC unter dem Schreibtisch mit Basic-Programmen und Access-Datenbank bis zur Cloud stehen dem Anwender zunehmend mehr Möglichkeiten offen, eine eigene Schatten-IT aufzubauen. Hersteller und Dienstleister unterstützen diesen Trend mit Application Service Providing (ASP). Das Chaos in der IT steigt jedoch mit der Anzahl unkoordinierter Aktivitäten und Entscheidungen. Es entsteht IT-Anarchie und irgendwann dreht sich das Karussell des Business-Alltags, ohne dass hektische Lenkbewegungen der Insassen einen Einfluss auf die Fahrtrichtung des Feuerwehrautos haben - jedes Kind kennt das -, aber es macht trotzdem Spaß.

Die gängigen Ziele und Glaubenssätze des IT-Managements müssen also auf den Prüfstand. Beispielsweise:

Lassen sich mit Standardsoftware, die auch der Wettbewerber einsetzt, Wettbewerbsnachteile vermeiden oder Wettbewerbsvorteile erzielen?

Führt die Abschaffung der IT nicht zur vollständigen Einsparung der IT-Kosten oder wo liegt das richtige Maß zwischen Kosten und Nutzen? Kann dieses Maß mit einem Benchmark ermittelt werden? In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an ein IT-Projekt, das zu einer Anwendung führte, die kein anderer Wettbewerber hatte. In der Fertigung wurde wegen Umbauten noch einmal das 30-Fache an Folgekosten fällig. Ein Fehlschlag? Nein, weit gefehlt. Die jährlichen Einsparungen bei den Produktionskosten betrugen das 6-Fache der gesamten Investitionskosten. Diese Anwendung hat zwar die IT-Betriebskosten geringfügig erhöht, aber erhebliche Fertigungskosten eingespart.

Werden die IT-Kosten durch eine Verlagerung in eine Cloud reduziert oder werden damit Geschäftsprozesse unterbrochen, die dann vom Anwender mit Cut & Paste gekittet werden müssen?

Solange IT-Management mit den Aufgaben der Planung, Organisation, Führung und Kontrolle der IT als interne Aufgabe des CIO verstanden wird, bleibt das so. Der Zusatz "strategisch" darf nicht als Profilierung des CIO und Freibrief für die Fortsetzung des Alleingangs toleriert werden. Strategisch ist das IT-Management, wenn es neben der Steuerung der IT das Anforderungsmanagement und die Wechselwirkung von Geschäftsprozessen und IT einbezieht und dabei die Unternehmensziele verfolgt. Bevor dem CIO das strategische IT-Management anvertraut wird, muss vereinbart werden, mit welchem Vorgehen der IT ein Beitrag zur Erreichung dieser Unternehmensziele geleistet werden kann. Dieses Vorgehen heißt dann - gerechtfertigterweise - IT-Strategie.

Diese IT-Strategie muss als Konsenspapier des Unternehmens verstanden werden, in einer allgemein verständlichen Sprache verfasst sein und einen nachvollziehbaren Bezug auf die Unternehmensziele herstellen. Nur so wird die IT-Strategie von allen getragen.

Dipl.-Math. Raymond Tischendorf Frühlingstr. 13a 85630 Grasbrunn Raymond.Tischendorf@it-b-ti.de www.it-b-ti.de