HMD 285, 49. Jahrgang, Juni 2012

IT im Mittelstand

Herausgeber: Knut Hildebrand

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Einwurf

von Manfred Schwenk

Modetrends in der IT oder weshalb jeden Tag eine andere Sau durchs Dorf bzw. die IT getrieben wird

In den vergangenen Jahren ist eine Vielzahl von neuen IT-Technologien wie eCommerce, CRM oder Business Intelligence (BI) auf den Markt gekommen.

Die Entscheidungsträger in den KMU stehen vor der schwierigen Aufgabe, den Diffusionsverlauf einer neuen IT-Technologie abschätzen zu müssen. Implementieren sie eine neue IT-Technologie in einer frühen Phase des Lebenszyklus, so kann ein Differenzierungsvorteil gegenüber dem Wettbewerb erzielt werden. Gleichzeitig besteht jedoch das Risiko, auf einer Investitionsruine sitzen zu bleiben, falls sich die neue IT-Technologie im Nachhinein als Modeerscheinung entpuppt.

Bedenkt man, dass beispielsweise 88 % der inländischen Maschinenbauunternehmen weniger als 250 Mitarbeiter beschäftigen und die durchschnittliche Betriebsgröße bei 164 Mitarbeitern liegt, so wird deutlich, dass es sich ein typisches mittelständisches Unternehmen aufgrund der begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen nicht leisten kann, auf den diversen IT-Modewellen mitzusurfen.

Peter Drucker, der renommierteste Managementvordenker des vergangenen Jahrhunderts, erklärt das Entstehen von Managementmoden wie folgt:

"Die hohe Änderungsdynamik der Unternehmensumwelt hat eine Verunsicherung des Managements bewirkt. Die vermeintlich einfache Lösung sucht das Management immer wieder in neuen Managementmethoden. Nachdenken ist ein hartes Stück Arbeit. Die Flucht in neue Managementmethoden ist letztendlich ein Ersatz für sorgfältiges Nachdenken."

Verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass das Management unter einem hohen Erfolgsdruck steht, Lücken im Verhältnis zum Wettbewerb umgehend zu schließen, d.h. Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.

Zwei im Zusammenhang mit neuen IT-Technologien häufig strapazierte Modewörter sind Innovation und Mehrwert. Mindestanforderung an eine Innovation ist, dass entweder eine neue Problemlösung auf einen bekannten Bedarf trifft (Potenzialinnovation) oder eine bekannte Technologie für eine neue Anwendung eingesetzt wird (Anwendungsinnovation) und sich daraus wirtschaftlich erfolgreiche Anwendungen ergeben. Je ungenauer sich der wirtschaftliche Nutzen einer neuen Technologie bestimmen lässt, umso häufiger wird von den Akteuren auf den vermeintlich zu erwartenden Mehrwert verwiesen.

Ein anschauliches Beispiel über den Zusammenhang von Mehrwert und Modetrends bietet der Goldrausch in den USA im 19. Jahrhundert. Sowohl die Goldgräber als auch die Händler von Zelten, Schaufeln und Pickeln erzielten mit ihrer Tätigkeit einen Mehrwert. Obwohl sich dies im Nachhinein nicht mehr nachvollziehen lässt, dürfte der höhere Mehrwert vermutlich aufseiten der Werkzeuglieferanten entstanden sein.

Ein klassisches Beispiel für Modetrends im Mittelstand sind IT-gestützte Planungs- und Controlling-Anwendungen. Sobald sich die ersten Anzeichen einer Rezession bemerkbar machen, laufen die Marketingabteilungen der einschlägigen Anbieter auf Hochtouren. Zweckmäßigerweise sollte die Einführung von derartigen Instrumenten in wirtschaftlich günstigen Zeiten erfolgen, damit sie in schwierigen Zeiten auf Knopfdruck zur Verfügung stehen.

Einen zweiten Klassiker stellt das Umlaufvermögen in Fertigungsbetrieben dar. In Phasen der Hochkonjunktur wächst dieses in der Regel überproportional zum Umsatz, was seitens des Managements eine rege Nachfrage nach IT-Werkzeugen zur Beschaffungs- und Bestandsoptimierung auslöst. Dabei dürften in der Mehrzahl der Fälle Grundkenntnisse in Warteschlangentheorie, ein Blatt Papier sowie ein Bleistift genügen, um dieses Phänomen nachvollziehbar erklären zu können.

Vor dem Hintergrund, dass beispielsweise der weltweite ERP-Markt ein jährliches Volumen von etwa 40 Mrd. Dollar aufweist, ist es nicht verwunderlich, dass der Strom an neuen Technologien nicht versiegt und eine Vielzahl von Anbietern versucht, sich ein Stück von diesem großen Kuchen abzuschneiden.

Eine weitere Frage ist, ob sich aus der Unternehmenskultur und dem Managementverhalten Rückschlüsse auf den Umgang mit Modetrends ableiten lassen. Nach Heike Bruch und Sumantra Ghoshal können Manager in die vier Grundcharaktere des Passiven, des Zielgerichteten, des Zauderers sowie des Hyperaktiven unterteilt werden. Charakteristisches Merkmal des hyperaktiven Managers ist es, sich an einer Vielzahl von Projekten zu beteiligen, jedoch nach einiger Zeit das Interesse zu verlieren. Dies hat zur Folge, dass er permanent Feuer löschen und Projekte wieder aufgeben muss. Manager neigen bevorzugt in denjenigen Unternehmen zu Betriebsamkeit, in denen das Topmanagement ein forsches, unreflektiertes Verhalten an den Tag legt. Die Konsequenz ist, dass in diesen Unternehmen tendenziell am häufigsten eine neue Sau durch das Dorf bzw. die IT getrieben wird.

Ein weiterer Sachverhalt, der das Entstehen von IT-Modetrends fördert, ist das unreflektierte Gleichsetzen von IT-Innovationen mit Geschäftsmodellinnovationen. Es ist unbestritten, dass in vielen Fällen neue IT-Technologien Voraussetzung für das Entstehen von neuen Geschäftsmodellen sind, es gibt jedoch auch erfolgreiche, innovative Geschäftsmodelle, die mit vergleichsweise wenig IT-Technologie auskommen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das spanische Modeunternehmen ZARA.

Peter Drucker weist darauf hin, dass sich der Begriff Informationstechnologie aus den beiden Bestandteilen Information und Technologie zusammensetzt, und veranschaulicht diesen Sachverhalt am Beispiel der Entwicklung des Buchdrucks im Mittelalter. Mit der Einführung der ersten Druckpressen waren die Buchdrucker über einen Zeitraum von 25 Jahren die Stars der damaligen Zeit. Sie wurden von Königen, Fürsten und reichen Kaufleuten hofiert und mit Geld überschüttet. Mit der flächendeckenden Verbreitung der Drucktechnologie sank ihr Status wieder auf denjenigen eines gewöhnlichen Gewerbetreibenden. Die Wertschöpfung verlagerte sich von den Buchdruckern zu den Buchverlegern, d.h. von der Technologie zur Information.

Vergleicht man die Entwicklung von BI im Mittelstand mit der Entwicklung des Buchdrucks im Mittelalter, so lassen sich unschwer Gemeinsamkeiten erkennen.

Innovation mit Sinn und Ziel - dieses einfache Motto von Peter Drucker sollte für KMU Richtschnur im Umgang mit innovativen IT-Technologien sein.

Dipl.-Kfm. Manfred Schwenk Wennendersteigweg 5 89143 Blaubeuren manfred.schwenk@t-online.de