HMD 286, 49. Jahrgang, August 2012

Mobile Computing

Herausgeber: Stefan Meinhardt, Siegfried Reich

Als E-Book bestellen
Gedruckte Ausgabe bestellen
Feedback an den Herausgeber
Zum Inhaltsverzeichnis

Einwurf

von Thomas Knieper

Mobile Computing: mit Augenmaß zum Mehrwert

Mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablet-PCs erlauben uns, "Leerzeiten des Alltags" sinnvoll zu nutzen. Wartezeiten beim Arzt, Fahrzeiten in der U-Bahn oder zu spät beginnende Meetings waren früher verlorene Zeit. Jetzt werden sie aus Nutzersicht sinnvoll gestaltet und aktiv genutzt. Selbst in kurzen Zeitfenstern informiert man sich nebenbei über das Tagesgeschehen, schiebt ein kurzes Spiel zur Rekreation ein oder chattet mit Freunden oder Bekannten. Informiertheit, Unterhaltung und Kontaktpflege sind heutzutage Gratifikationen, die dank "Mobile Computing" quasi nebenher und ortsungebunden befriedigt werden können.

Social Media Sites sind dabei ein immer beliebter werdendes Anwendungsfeld. Sie werden zur freien Entfaltung der Persönlichkeit, zur Ausübung der eigenen Redefreiheit, zur Pflege von Beziehungen, zur Überhöhung der eigenen Person oder zur Absicherung der eigenen Position innerhalb der Peergroup genutzt. Oftmals ist der User dabei einem hohen Aktualitätsdruck ausgesetzt. Wer als Erster Informationen einstellt, kommentiert oder teilt, gilt als bedeutend und meinungsbestimmend. Die eigene Akzeptanz in entsprechenden Zielgruppen lässt sich erhöhen, wenn man eingestellte Inhalte zeitnah "faved", "liked", "retweetet", teilt oder kommentiert. Umgekehrt ist die Anzahl der Rückmeldungen auf die persönlich eingestellten Inhalte ein Indikator für die eigene Akzeptanz. Wer keine Rückmeldungen auf Posts, Tweets oder andere Inhalte erhält, fühlt sich nicht ausreichend gewürdigt. Das kann krank machen. Die Übergänge vom Gefühl des Nichtgeliebtwerdens zur Traurigkeit und von dort zur Depression sind fließend.

Problematisch ist auch: Das Netz vergisst nichts. Ein kurzer Moment des Innehaltens und der Reflexion vor einer Veröffentlichung könnte oftmals nicht schaden. Das gilt insbesondere für Informationen, die aus einer situativen Laune heraus eingestellt werden. Exemplarisch zeigt dies der Fall eines Politikers. Zur Eröffnung eines Brauereifests kommentiert er in die Fernsehkameras, dass dort - trotz des hohen Bierkonsums - eine angenehme Stimmung herrsche. Nur wenig später stellt er in seinem privaten Facebook-Profil ein Foto online, das einen durch Alkoholkonsum mitgenommenen jungen Mann mit heruntergelassener Hose beim unkoordinierten Urinieren zeigt. Spontan stellt sich die Frage, was veranlasst einen reputierten Politiker, auf einer öffentlichen Toilette zu fotografieren und zudem Persönlichkeitsrechte Dritter zu verletzen. In der Situation hielt der Politiker den Post offensichtlich für eine gute Idee. Am nächsten Tag folgte das kleinlaute Eingeständnis: "Menschen machen Fehler ... auch ich habe gestern einen Fehler gemacht und ein Bild hier bei facebook hochgeladen, was nicht reingehört. (...) Für mich war das Ganze eine Lehre, nicht vorschnell die Vorteile 'des mobilen web2.0' zu nutzen und mit dem Hochladen von Bildern zurückhaltender zu werden." Der Politiker hat sich zwar entschuldigt, seiner politischen Karriere dürfte der Fall aber einen deutlichen Knick versetzt haben.

Legen diese Negativbeispiele nun einen Verzicht auf Mobile Computing nahe? Nein, denn dafür sind die individuellen, gesellschaftlichen und ökonomischen Vorteile zu salient. Eine assoziative Tour durch das mobile Leben veranschaulicht das eindrucksvoll.

Im Bereich eHealth können Gesundheitsdaten über den Tagesverlauf erhoben und direkt abgespeichert werden. Sie ergänzen Untersuchungsdaten und Diagnosen von Ärzten. So entsteht ein individualisiertes digitales Gesundheitsarchiv, das jederzeit und überall verfügbar ist und sowohl zur Erinnerung an Medikationen als auch für Arzt-Patienten- Gespräche sinnvoll genutzt werden kann. Der Patient trägt seine Gesundheitsakte heute quasi in der Hosentasche. Selbstredend genießen derartige Daten einen besonderen Schutz. Der Zugriff darf ausschließlich durch das entsprechende Individuum freigegeben werden. Ein unbefugter Zugriff muss durch adäquate Sicherheitsstandards ausgeschlossen sein. Im Falle eines Verlusts oder gar eines Diebstahls des mobilen Endgeräts muss gegebenenfalls eine nachträgliche Löschung der Daten erfolgen können.

Datenweitergabe, Datenschutz und Datensicherheit sind auch für die Wirtschaft Themen von zentraler Bedeutung. Wissensmanagement läuft heutzutage nicht nur kollaborativ, sondern vor allen Dingen auch mobil ab. Für Analysetools werden Kennzahlen und andere Daten aus firmeninternen Datenbanken bereitgestellt. Der Umgang mit Betriebsgeheimnissen und Firmendaten ist für Mobile Business Apps durchaus eine datenschutz-, betriebsverfassungs- und urheberrechtliche Herausforderung. Auch die länderübergreifende Übermittlung von Daten muss rechtlich geregelt und abgesichert sein.

Aus nahe liegenden Gründen gilt das auch für den Umgang mit Kundendaten. Im Zuge des Kundenbeziehungsmanagements greifen etwa Außendienstmitarbeiter auf demografische und biografische Kundendaten sowie bisherige Verträge oder besondere Vertragsvereinbarungen zu. Das heutige Customer Relationship Management (CRM) verlangt einen ortsunabhängigen Zugriff. Zum CRM gehören übrigens auch Kundenkarten als Instrument der Kundenbindung. Diese sind aber heutzutage nicht mehr aus Plastik, sondern stehen digital zur Verfügung. Der Kunde möchte sie nicht mehr in eine übervolle Geldbörse einsortieren, sondern sie unter dem Dach einer App auf seinem mobilen Endgerät verwalten. Nur so sind der Stand der Bonuspunkte und die damit verbundenen Leistungen jederzeit abrufbar oder Adressänderungen auf einen Klick an alle Partner mitteilbar. Der Kunde strebt hier nach größtmöglichem Eigenmanagement. CRM wandelt sich zum Vendor Relationship Management.

Im Zuge dieser Selbstbestimmung rufen User auch Informationen über Orte von Interesse, Verkehrsmeldungen oder Wetterprognosen ab. Bei Sightseeing-Touren bieten Ortserkennung und Augmented Reality neue Möglichkeiten, eine Stadt zu erfahren. Auf dem mobilen Endgerät werden Fotos um Hintergrundinformationen oder virtuelle Elemente ergänzt. Auch für die Wohnungssuche werden heutzutage vergleichbare Dienste angeboten: Die Verfügbarkeit der Wohnung, ihr Grundriss und die Kontaktadresse des Maklers werden auf dem Display angezeigt. Geolokalisation des Nutzers ermöglicht es, auf Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten hinzuweisen und ihn über Sonderangebote der Läden zu informieren, an denen er gerade vorbeigeht. Kehrseite der Medaille ist, dass diese Technik auch zum Monitoring und zur Überwachung eingesetzt werden kann. Insofern muss der User für jede Anwendung frei entscheiden können, ob und inwiefern er Location Based Services zulassen möchte.

Kinoplakate verfügen heute in der Regel über QR-Codes, über die Trailer auf mobilen Endgeräten abgerufen werden können. Nutzt man dabei personenbezogene Daten, kann sogar ein für das Individuum optimierter Clip abgespielt werden. Selbstredend können für mobile Endgeräte auch andere AV-Inhalte zur Verfügung gestellt werden. Hierbei muss aber immer die Größe des Ausgabebildschirms mit berücksichtigt werden. Obwohl sie wieder größer werden, sind die heutigen Screens eher klein, was sich auf die Verwendung von Einstellungsgrößen und die Narration auswirkt. Mobiles Storytelling ist inzwischen ein eigenes Berufsfeld. Eines von vielen.

Unter dem Strich ist Mobile Computing ein wichtiger Motor für die Wirtschaft sowie eine große Hilfe und Bereicherung für den Nutzer. Negative Seiten des Mobile Computing können durch einen reflektierten Umgang weitgehend ausgeglichen und vermieden werden. Was dann bleibt, ist der Segen mobiler Technologien.

Prof. Dr. Thomas Knieper Universität Passau Lehrstuhl für Computervermittelte Kommunikation Dr.-Hans-Kapfinger-Str. 14 94032 Passau thomas.knieper@uni-passau.de www.phil.uni-passau.de